Von Ulrich Schmidt

Es muß ein harter Job sein, Schleswig-Holstein als Urlaubsland an den Mann zu bringen, zumal wenn man die Küsten beiseite läßt. Als Motto für ihre großangelegte Werbeaktion 1975 haben sich die Umsatz-Animateure vom Landesverband „Spiel doch mal Kolumbus ...“ ausgedacht, und die Unterverbände ergänzen, was ihnen dazu einfällt: „... und suche empfehlenswerte Gaststätten!“ Oder: „... und entdecke den Naturpark Westensee auf Schusters Rappen!“

Nach drei Stunden Rundfahrt durch eben diesen Naturpark begreift man die Verlegenheit der Sprüchemacher. Da ist herzlich wenig, was sich für die Werbung ausschlachten ließe, und auf lange Strecken nichts, was der landläufigen Vorstellung von Naturpark entspricht. Flaches Weide- und Ackerland herrscht vor. Wer auf der Autobahn vorbeifährt und sich vergegenwärtigt, daß diese Route als Europastraße E 3 so reizvolle Urlaubsländer wie Portugal und Finnland miteinander verbindet, der kommt kaum auf den Gedanken, ausgerechnet an der Ausfahrt Warder abzubiegen, um Landschaft oder gar Naturpark zu genießen.

Viele biegen dennoch ab, und sie kommen eigens deswegen von weither. Die meisten haben rheinisch-westfälische Kennzeichen an ihren mit Familie und Gepäck vollbeladenen Autos. Denn das zwischen Kiel, Rendsburg und Neumünster gelegene, 250 Quadratkilometer große Feriengebiet rings um den Westensee (6 qkm) hat seine Stammkundschaft, und seitdem sich die Kleinvermieter zu einem Verein zusammengeschlossen haben, von Jahr zu Jahr mehr. 20 500 Übernachtungen wurden 1973 gezählt, 1974 waren es 26 800.

Hier wird noch Urlaub nach alter Art gemacht, „Sommerfrische“ nannte man das, im kleinen schlicht und bieder eingerichteten Besuchszimmer der Bauersleute. Die Frau macht die Betten und deckt den Tisch, Wurst schon zum Frühstück – „und mehrere Sorten zur Abwechslung, deswegen schlachten wir noch selber“ –, und hält die Zimmer mustergültig sauber. Der Mann besorgt das Drumherum, gibt den Gästen Wandertips, fährt sie mit dem Boot auf dem See herum, mit dem Auto auf dem Land umher, zeigt ihnen abends selbstgedrehte Holstein-Filme.

So jedenfalls halten es die Gardthausens in Warder, ein Schlosser-Ehepaar im Pensionsalter. Die individuelle Fürsorge zahlt sich aus. Einige von den Sommerfrischlern kommen auch in den Osterferien und zu anderen Zeiten, wo das Bett nur sieben Mark kostet, so daß die Gardthausens kaum einen Termin finden können, um zur Abmagerungskur zu fahren, denn sie sind ein bißchen dick geworden vom Leben und Lebenlassen.

Das Industrievolk aus dem Kohlenpott mag diese Art Urlaub. Im Bayerischen Wald, sagen sie, sei es zwar auch billig, aber der Tisch sei dort zu den Mahlzeiten nicht so voll. Und wenn die Gäste einen Wandertag machen und auswärts essen, ist es ebenso billig. Für sechs Mark gibt es gehäufte Portionen, und ein Kinderteller reicht für zwei Teenager.