Die Bereitschaft des amerikanischen Präsidenten, auf europäische Anregung im Mai in Brüssel an einem Nato-Gipfeltreffen teilzunehmen, ist das erste Anzeichen dafür, daß Amerikas Außenpolitik aus der Lähmung der letzten Wochen herauszukommen scheint. Weit mehr als der Verlust Vietnams war es diese Lähmung, welche die vielzitierte „Glaubwürdigkeit“ der Vereinigten Staaten zu untergraben drohte.

Nicht der Kongreß ist daran schuld. Schuld an dem Glaubwürdigkeitsschwund war die Wiederbelebung längst widerlegter Thesen von amerikanischer Allmacht. Schuld daran war die Unfähigkeit Henry Kissingers, die amerikanische Diplomatie so zu organisieren, daß sie mehr als ein weltpolitisches Problem auf einmal zu behandeln vermag, war seine verbale Kriegführung mit dem Kongreß, als nicht Rechthaberei, sondern Einsicht und Kompromißwilligkeit verlangt wurden. Und schuld waren schließlich jene entsetzlichen Szenen, die auch in der Alten Welt über die Fernsehschirme flimmerten: Gerald Ford, der lieber Golf spielt, als sich der bitteren Wirklichkeit zu stellen; Gerald Ford, der vor den Fragen eines Reporters nach Vietnam buchstäblich davonläuft und bei seinem Trott in ein irres Ho-ho-ho-Gelächter ausbricht; und noch einmal Gerald Ford, der die Gangway eines Transportflugzeuges emporstürmt, um demonstrativ ein Vietnambaby an die Brust zu drücken. Lauter Fluchten in die Belanglosigkeit.

Die vietnamesischen Unvermeidlichkeiten untergrüben das Ansehen der westlichen Vormacht? Unfug. Die Washingtoner Vermeidlichkeiten sind es. Sie machen es jenen unnötigerweise schwer, die Solidarität mit Amerika üben wollen – auch in düsteren Tagen. Th. S.