Italien zieht nach langem Zögern das deutsche PAL dem französischen SECAM vor

Vor ein paar Wochen noch sah Frankreichs Fernsehindustrie ihre Zukunft in den rosigsten Farben. Premier Jacques Chirac hatte gerade das Kunststück fertiggebracht, dem Schah von Persien das französische Farbfernsehsystem SECAM zu verkaufen und die deutsche PAL-Konkurrenz auszubooten. Auch Saudi-Arabien hatte, wie zuvor andere arabische Länder, dem französischen System den Vorzug gegeben, und es schien nur eine Frage der Zeit, bis auch Italien sich für die Erfindung aus Frankreich entscheiden würde.

Doch seit letzter Woche hat sich das Fernsehbild plötzlich verdüstert: Das Tauziehen, welches Farbfernsehsystem in Italien eingeführt werden soll, ging nach einstimmiger Entscheidung des obersten italienischen Fernmelderates zugunsten des deutschen Farbfernsehsystems PAL und zum Nachteil von SECAM aus. Zwar muß nun der interministerielle Planungsausschuß der italienischen Regierung, der nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche und politische Faktoren abwägen wird, noch endgültig entscheiden. Doch der Sieg von PAL gilt so gut wie sicher.

Damit muß Paris seinen Traum von einer großen SECAM-Union am Mittelmeer aufgeben, die von Italien über Griechenland und den Libanon bis nach Nordafrika und eines Tages nach Spanien gereicht hätte.

Für Frankreich ging es bei der SECAM-Schlacht stets um mehr als nur Lizenz-Millionen und Industrieaufträge. Der Verkauf von SECAM war zunächst eine Prestigefrage. Ähnlich wie bei dem Überschallflugzeug Concorde wollte Paris vor allem das Image einer modernen Industrie in alle Welt verbreiten und damit die Leistungsfähigkeit der eigenen Wirtschaft beweisen. So steckte Charles de Gaulle riesige Summen aus der Staatskasse in die SECAM-Entwicklung. SECAM sollte, so Le Monde, „die blau-weiß-rote Trikolore auf den Bildschirm der Welt wehen lassen“.

Hinter dem Bedürfnis nach Prestige standen aber auch politische Ambitionen. In Frankreich nach SECAM-Norm produzierte Filme sollten zum Kulturträger werden und als diplomatisches Instrument dienen. So war es auch nur logisch, daß die Werbung für SECAM von vornherein weitgehend den Diplomaten anvertraut wurde. Seit zehn Jahren bemühen sich vor allem Botschaftsangehörige, die Regierungen in Europa, Asien, Afrika und Südamerika für ihren Farbexportartikel zu begeistern.

Diese Taktik wurde in großem Stile zuerst in der Sowjetunion erprobt. De Gaulle propagierte SECAM als Instrument der französisch-russischen Annäherung und bot Moskau gleich noch eine in Frankreich entwickelte Color-Gitterröhre an, um die amerikanische Konkurrenz RCA aus dem Felde zu schlagen. Schon 1971 sollten täglich 1000 solcher Röhren in Frankreich, später auch in russischen Fabriken, hergestellt werden.