Von Nina Grunenberg

Wie Friedrich der Große kann Gerhard Stoltenberg von sich sagen: "Wenn die Beamten in ihre Kanzleien gehen, habe ich schon alle Mappen durchgearbeitet." Stoltenbergs Mitarbeiter beschreiben ihren Chef hochachtungsvoll als "arbeitswütig". Unter seiner Herrschaft haben sich die Minister und ihre Beamten in der schleswig-holsteinischen Landesverwaltung angewöhnen müssen, Kabinettsbeschlüsse zügiger auszuführen, als sonst üblich sein mag. Geht es nicht schnell genug, kommt eine Mahnung so sicher aus der Kieler Staatskanzlei wie das Amen in der Kirche.

Dieser straff zentralisierte Stil, der jedem die Freiheit läßt, der Meinung des Chefs zu sein, hält schwächere Naturen wirkungsvoll in der Furcht des Herrn. Stoltenberg, wenn er es hört, fühlt sich davon nicht betroffen, er hält es höchstens für seine Pflicht, sich höflich zu wundern: "Ich nehme doch nur die Aufgaben des Regierungschefs wahr."

Repräsentation dagegen ist für den Chef des nördlichsten Bundeslandes nur Zeitvergeudung "für nichts und wieder nichts". Ausgenommen ist die "Kieler Woche": Sie bietet der Landesregierung einmal im Jahr ein Podium, das seit Kaisers Zeiten so international und dekorativ ist, wie es sich ein Ministerpräsident zur Selbstdarstellung nur wünschen kann. Letztes Jahr wurden vom Protokoll beim traditionellen Empfang des Ministerpräsidenten im Hotel "Der Kieler Kaufmann" neben der deutschen Prominenz siebzehn echte Botschafter, vier Geschäftsträger und ein Gesandter gezählt und notiert. Stoltenberg merkt sich mit verblüffender Genauigkeit, wer ihm die Ehre gibt und wer es unterläßt. Als glaubwürdig entschuldigt galten im letzten Jahr nur jene Bonner Diplomaten, die durch die zur gleichen Zeit stattfindenden Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft verhindert waren, weil sie die Mannschaft ihres Landes zu betreuen hatten.

Sich im Nahkampf unter sein Volk zu mischen, fällt Gerhard Stoltenberg dagegen schwer. Obwohl in dieser Hinsicht in Schleswig-Holstein von niemandem Exzesse erwartet werden, hat er nicht mehr gelernt, als seine Pflicht zu tun, wenn er auf die Straße geht. Wenn er Bürgern die Hand schüttelt, wollen es Redakteure vom sozialdemokratischen "Vorwärts" sogar "vor Herzlichkeit förmlich knarren" gehört haben. Doch es wäre nicht das erste Mal, daß Sozialdemokraten im Falle Stoltenberg ihren eigenen Wunschträumen erlegen sind.

Als er 1971 von Bonn nach Kiel kam, um als Spitzenkandidat der CDU in den schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf zu ziehen, hatte sich Jochen Steffen, der Spitzenkandidat der SPD, zusammen mit der FDP eine reelle Chance für den Machtwechsel in Kiel ausgerechnet. Zum erstenmal in der Nachkriegszeit stand es in Schleswig-Holstein auf des Messers Schneide. Eine Umfrage ergab noch einen Unterschied von einem Prozent zwischen den beiden großen Parteien. Die Niederlage der SPD war deshalb um so überraschender. Zum erstenmal seit zwanzig Jahren gewann die CDU in Schleswig-Holstein mit 51,7 Prozent die absolute Mehrheit, schlug die FDP (3,8 Prozent) aus dem Feld und ließ die SPD (41,2 Prozent) weit hinter sich. Von diesem Schlag haben sich Jochen Steffen und seine Partei bis heute noch nicht erholt.

Der "Neuling" Stoltenberg war nicht billig abzubürsten. Er ist zwar niemandes Kumpel, auch zum unterhaltenden Spaßvogel fehlt ihm das Talent, aber wenn er redet, wird geglaubt, was er sagt – wie auch jetzt wieder im Wahlkampf. Statt sich hemmungslos in die Parteipolitik zu stürzen, behält er auch als Wahlkampfredner noch den Sinn fürs Ganze. Damit signalisiert er seinen Zuhörern, daß er den Ernst der Lage spürt, ihre Sorgen versteht und Verantwortung fühlt. Er vermeidet es, Emotionen aufzupeitschen, und bleibt bei aller Kritik sachlich. Damit erweckt er einen Anschein von Objektivität, der den ehemaligen Wissenschaftler verrät.