Von Ulrich Lohmar

Die wenigen Versuche neuer Universiäten inder Bundesrepublik, im letzten Jahrzehnt zu einer Hochschulreform „auf eigene Faust“ durchzustoßen und dafür zugleich den Staat als Partner zu gewinnen, werden an den Beispielen Bochum, Regensburg und Bielefeld von den Autoren dieses Nachschlagewerks sozusagen archivarisch festgehalten –

Hubert Raupach/Bruno W. Reimann: „Hochschulreform durch Neugründungen?“ – Struktur und Wandel der Universitäten Bochum, Regensburg, Bielefeld; Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung, Verlag Neue Gesellschaft, Bonn, 1974; 504 S., 80,– DM.

Der Report liest sich eher wie eine Geschichte der Hochschulreform denn als ein Zwischenbericht zu der Frage, ob die Hochschulneugründungen tatsächlich einen wirksamen Beitrag zur Hochschulreform erbracht haben oder nicht. Da tauchen sie alle wieder auf, die Stichworte der Diskussion des letzten Jahrzehnts: Theorie der Selbstorganisation, Systemrationalität, Wissenschaftssystem und Autonomie, Studienreform, Personalstruktur, Kapazitätsplanung, Demokratisierung der Verwaltung, Hochschule und Öffentlichkeit. Die vorliegende Arbeit über Bochum wurde im Frühjahr 1972 abgeschlossen; daß man diesen Zeitabstand kaum bemerkt, ist nur ein Indiz für das Schneckentempo der Reform unseres Wissenschaftssystems.

Deduktiv gedachte, gesamtgesellschaftlich konzipierte Vorstellungen brechen sich – wenn man dem Buch folgt – wie gegenläufige Wogen an induktiven, eher pragmatisch und im Detail genauen Ansätzen – und umgekehrt. Ungeachtet der zunächst betont inhaltlichen Positionen der Hochschulreformer nehmen die formalen Diskussionen über Satzungen und Verfassungen, späterhin der administrative Vollzug des einmal Begonnenen einen immer breiter werdenden Raum ein. Der Versuch, Spontaneität zu organisieren und eben dadurch dauerhaft zu gewährleisten, scheiterte offenbar vielfach an intellektuellem Perfektionismus, unvereinbaren gesellschaftlichen Zielbildern der beteiligten Gruppen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Staat sowie an administrativen Schwergewichten. Die unzähligen Rinnsale der Ideen und Argumente vereinigten sich nicht zu einem breiten, das klassische Universitätssystem im ganzen, mitreißenden Strom, sie versickerten vielmehr häufig in der Wüste von Gewohnheiten und verloren sich in den Ansprüchen auf neue Karrierepositionen nach im Grunde alten Mustern.

Die Autoren mögen soviel Skepsis vielleicht nicht teilen: Aber bei der Durchsicht der von ihnen zusammengetragenen Materialien (gerade auch der nicht offiziellen Briefe, Protokolle und Akten) drängt sich der Eindruck auf, daß die Reform eines Systems eher von außen als von innen möglich ist. Dies zu sehen und zu sagen, bedeutet allerdings die Einsicht, eine sachlich weitgehende Hochschulreform allenfalls von Seiten des Staates und der seine Institutionen prägenden gesellschaftlichen Gruppen erwarten zu können. Doch da es sich bei unserer Gesellschaft, ihren staatlichen Einrichtungen und den Hochschulen jeweils um komplexe soziale Gebilde handelt, die wiederum auf vielfältige Weise miteinander verflochten sind, wäre der staatliche Hebel allein wiederum vielleicht nur ein Brecheisen. Am Anfang der Hochschulreform hätte, das mag ein vorläufiges Fazit sein, wohl ein besser organisierter Kommunikationsprozeß zwischen den Beteiligten in Staat, Wissenschaft und Wirtschaft stehen müssen. Aber die gesellschaftliche Ausgangssituation von Reformen ist jeweils so, wie sie ist, man kann sie sich nicht malen, 1965 nicht und heute nicht.

Was bleibt also? Manche klassischen Universitäten mit ihrem institutionellen Beharrungsvermögen und ihrer spezialisierten Selbstgewißheit mögen den Bericht über die Neugründungen mit der achselzuckenden Bemerkung zur Seite legen, dies alles habe man ja voraussehen können. Doch in Wirklichkeit ist der Versuch, Hochschulreform überhaupt konkret in Gang zu setzen, von Seiten des Staates im wesentlichen auf die wenigen Reformuniversitäten abgeladen worden, und es wäre schon deshalb mehr als unbillig, sie dafür auch noch zusätzlich tadeln zu wollen.