Literaturgespräch in Konstanz

Von Jürgen Lodemann

Das Ende des deutschen Lese-Zeitalters ist da. Denn wie man die geist-, phantasie- und lustvolle Anstrengung des Lesens vor dem Verschwinden retten könne, vor dem Untergang im Analphabetenmoloch der optisch-akustischen Massenmedien, dazu fiel deutschen Politikern nichts ein, darüber hatten sie sich noch nie Gedanken gemacht: Alle vier, Hans Maier, Kurt Biedenkopf, Hans Jochen Vogel und Hildegard Hamm-Brücher erklärten unumwunden, in den Programmen ihrer vier Parteien sei für diesen Fall kein Punkt vorgesehen.

Wäre nicht der Minister Sinowatz aus Österreich dabeigewesen, dann wäre das deutsche Phänomen unerklärt geblieben. So aber konnte Sinowatz es der Presse in schöner Offenheit erläutern: Leser seien nun mal seit eh und je in der Minderheit, bei ihm daheim läsen 70 Prozent nie irgend etwas, da möchten sich die deutschen Bücherfreunde doch nicht wundern, daß dort, wo es darum ginge, politische Mehrheiten für sich zu gewinnen, Fragen des Lesens und der Literatur kein Programmpunkt seien.

Da nickte der CDU-Generalsekretär, der Professor Biedenkopf, und klagte, Politik sei nun mal heutzutage eine Folge von Mehrheitsbildungen. So werde ja auch die Auswahl der Schulbücher immer stärker durch Eltern beeinflußt – ihre Proteste gegen allzu kompromißlose Lesetexte habe man zur Kenntnis zu nehmen. Dazu wußte Fred Sinowatz eine Parallelgeschichte aus seinem Alpenland, er, der „das Buch mit politischem Sprengstoff“ ausdrücklich suchte und forderte, der „gegen die simplen Denkmuster des Fernsehens“ eine Erhaltung, ja Erweckung von Lesebedürfnissen mit allen österreichischen Staatsmitteln propagierte, „weil die sozialen Funktionen unserer Demokratie nur ausgeübt werden können, wo es Lesefähigkeit gibt“. Dieser breitschädlige schwere Mann, den die blassen deutschen Charakterdarsteller wie eine Erscheinung von einem Jean Paulschen Stern anstaunten, dieser Unterrichtsminister wartete nicht nur mit Zahlen auf, wonach in sozialistischen Ländern viel mehr gelesen werde als im Westen, dieser barocke Mann aus Wien erzählte seine Parallele zur bundesdeutschen Misere um das Deutschunterricht-Lesewerk „drucksachen“: In Tirol habe eine Lehrerin in der Hauptschule „den Kroetz lesen lassen“, der Widerstand der Elternvertreter („das sind ja Professionelle, die sind es zehn, oft zwanzig Jahre lang“), sei vor der Mehrheit der Eltern gewichen. Es gebe dort jetzt ein Bewußtsein des Lesenwollens, auch von explosiven Texten – diese Lehrerin habe „eine gute Provokation, eine Pioniertat“ geleistet.

Vor soviel Freimut – entgegen allen Mehrheitskalkulationen – bekannte auch Hildegard Hamm-Brücher: Ja, Lehrer sollten etwas wagen dürfen, man müsse ihnen Freiräume schaffen, selbst die Konfrontation mit Umgangssprache, auch mit Gossensprache und mit Schimpfwörtern sei nötig, mit guten Begleittexten, verstehe sich; Lehrer, die dazu den Mut hätten, dürften nicht einfach exkommuniziert werden. Doch Kurt Biedenkopf blieb dabei: Initiativen zu kompromißlosem Lesen könnten unmöglich vom Staat ausgehen oder gestützt werden, der Politiker riskiere nun einmal seine Mehrheitsbasis, und wer etwas riskieren müsse, das sei allein der Autor.

Sonst fiel den Anwesenden für den Autor nichts ein. Hans Jochen Vogel meinte nur, für die Erhaltung der Lesekultur gebe es doch nun auch die billigen Paperbacks und Taschenbücher. Daß aber von denen ein Autor nicht leben kann, nicht einmal riskant, davon wußte Minister Vogel wohl nichts, das behielten auch der Autor Peter Härtling und der Journalist Walther Schmieding für sich. Lediglich ihr österreichischer Journalistenkollege Willy Lorenz maulte etwas von einem früheren halben Jahrtausend, in dem allein die Kleriker hätten lesen und schreiben können – ob die Politiker denn in der TV-Zukunft allen Ernstes auf solche Zustände, in denen nur wenige Herrschende diese Macht hätten, zurückwollten? Das wollte niemand, aber außer Fred Sinowatz wußte auch niemand, was da zu tun sei.