Nach dem Scheitern der Nahost-Mission Kissingers haben die amerikanisch-israelischen Beziehungen einen Tiefpunkt erreicht.

Droht Israel ein neues 1957? Damals, ein Jahr nach dem Suez-Abenteuer der Israelis, Franzosen und Engländer, zwang Amerikas Präsident Dwight D. Eisenhower den israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion, seine Truppen aus dem Sinai und dem Gazastreifen abzuziehen – nur auf das vage Versprechen hin, künftig die Benutzung der internationalen Wasserstraßen auch für die israelische Schiffahrt zu garantieren.

Es war diese Erfahrung, die Israel bis heute so unnachgiebig gemacht hat: Der Suezkanal blieb für israelische Frachter verschlossen, die Golfenge bei Scharm el Scheich sperrte Nasser Ende Mai 1967. Das war der Funke, der den Junikrieg entfachte.

Nach dem plötzlichen Abbruch der zweiten Kissinger-Mission, die in Washington allgemein den Israelis angelastet wird, ist die Diskussion darüber aufgeflammt, ob auch Präsident Ford Jerusalem zu einseitigen Konzessionen gegenüber Ägypten zwingen kann. Nachdem er dem israelischen Ministerpräsidenten Rabin kurz vor Kissingers Scheitern ein barsches Kabel geschickt hatte ("Zu meiner großen Enttäuschung erfuhr ich, daß Israel nicht zu jenen Zugeständnissen bereit war, die es hätte machen können") ordnete er eine "Überprüfung" der amerikanischen Nahostpolitik, speziell des "besonderen Verhältnisses" zu Israel an. Diese Neubewertung, de nach Kissingers Auskunft keine Bestrafung Israel bedeutet, soll Mitte April abgeschlossen werden.

Was muß Israel erwarten?

  • Eine spürbare, wenn auch vorübergehende Abkühlung der intimen und intensiven Beziehungen zu dem bisher treuesten und stets hilfsbereiten Schutzpatron. Schon wurden Verteidigungsminister Peres und Außenminister Allon, die nach Washington kommen wollten, ausgeladen.
  • Eine Verschiebung der Waffenliefertermine und vielleicht sogar eine drastische Kürzung der Kredite. Schon hat US-Verteidigungsminister Schlesinger angedeutet, daß über den Verkauf des modernsten Düsenjägertyps F-15 erst später entschieden werde, ebenso über die Auslieferung neuer Raketensysteme. Fraglich ist vor allem, ob Israels Finanzwunsch in der Rekordhöhe von fast fünf Milliarden Mark für das nächste Fiskaljahr erfüllt wird. Der republikanische Senator Anderson (Illinois) warnte bereits: "Die Aussichten sind jetzt schlechter." • Die Einberufung der Genfer Nahost-Konferenz. Dort werden die Sowjets als Ko-Präsidenten gemeinsam mit den arabischen "Konfrontationsstaaten" und der Palästinensischen Befreiungsorganisation eine Globallösung anstreben, was den israelischen Intentionen widerspricht. Sollte die zweite Genfer Runde erwartungsgemäß fehlschlagen und israelischägyptische Zwischenverhandlungen unter Kissingers Vermittlung wiederaufgenommen werden, dann wird sich Jerusalem den Forderungen Amerikas fügen müssen.

Um die Verwirrung, die das plötzliche Scheitern der Kissinger-Mission in Israel anrichtete, noch zu vergrößern, startete Ägypten eine erfolgreiche Kampagne des "guten Willens". Sadat kündigte