Ein schwankendes Denkmal?

Von Ernst Dieter Schmickler

Immer, wenn Deutschlands Olympiapatriarch Willi Daume dem nordrhein-westfälischen Innenminister Willi Weyer die Steigbügel für hohe Sportämter hält, folgen kurze Zeit später verwegene Sprünge des schwergewichtigen und kumpelhaften Sportfreundes, der es mit Cleverness, Schulterklopfen und wohlüberlegten Vertraulichkeiten immerhin zum Präsidenten des Deutschen Sportbundes gebracht hat. Und so kennt man landauf und landab den ehemaligen Wasserballer aus Hagen als ein Kreuzworträtsel des deutschen Sports: schweißtriefend im Getümmel der Zeit, umgeben vom Qualm seiner extrem großen Zigarre, die zumindest noch symbolisch Arbeitgeberzüge verrät. In den Funktionärskreisen des Deutschen Sportbundes regte sich Schüttelfrost, als Weyer plötzlich erklärte: "Die Entscheidung liegt ausschließlich bei der Partei." Gemeint waren der mögliche Verbleib des derzeitigen Innenministers in einer nordrhein-westfälischen Regierung nach den Landtagswahlen am 4. Mai und "die Partei", die FDP, wo Willi Weyer sich allerdings zwischen sämtliche Stühle manövriert hat. Im Kern geht es um das Credo des am 24. Mai 1974 zum DSB-Präsidenten gewählten Politikers. Wörtlich sagte er: "Da ich meine Funktion als DSB-Präsident nicht mit der leichten Hand erfüllen möchte, werde ich mich systematisch aus meinen politischen und staatlichen Ämtern lösen. Im parteipolitischen Bereich ist das bereits geschehen. Im staatlichen Bereich wird das mit Ende der Legislaturperiode erfolgen. Vom Frühjahr des nächsten Jahres an gibt es keinen Abgeordneten und keinen Innenminister Weyer mehr, auch keinen Kandidaten zum Landtag." Unter Hinweis auf die innere Sicherheit löste Weyer mit der Bemerkung, die Geschäftsgrundlage für die Zusage an den Sportbund könne sich ändern, bei Freund und Feind, Sportfunktionären und Wahlkampfstrategen wilde Spekulationen aus. Für Willi Daume wäre ein Rückzieher Weyers besonders peinlich, weil er den Altliberalen bereits zweimal an die Spitze des Deutschen Sportbundes hievte. Enttäuschung Nummer eins: Als Daume im Hinblick auf sein Engagement im olympischen München an der Spitze des Sportbundes einem geschäftsführenden Präsidenten Platz machte, setzte er am 1. März 1969 in Bremen auf Weyer. Seine Reverenz: "Das Präsidium hat Herrn Weyer dazu ausersehen. Ich würde mich freuen, wenn Sie, meine Damen und Herren Abgeordneten, Herrn Weyer durch eine Geste des Vertrauens ermutigen möchten." Ein halbes Jahr später war Daume tief enttäuscht; Weyer trat als geschäftsführender DSB-Präsident kurz und schmerzlos zurück. Daumes Kommentar: "Ich muß zugeben, die Krise im deutschen Sport ist eine Katastrophe."

Nicht mit Viertelkraft

Noch einmal gab Daume seine offenkundige Dinstanz zu Weyer auf, da er vor der Wahl des DSB-Präsidenten im Mai letzten Jahres sah, daß Weyer ohne Alternative war. In einem euphorischen Plädoyer schwor Daume die Delegierten auf den "Law-and-order"-Mann ein: "Der DSB muß sich einen guten Präsidenten geben", der eben nur Willi Weyer heißen konnte. Weyer versprach den Sportfreunden, er habe erkannt, daß die Verantwortung für eine so große Organisation nicht mit Viertelkraft übernommen werden könne. Ebenso wie die meisten Sportfunktionäre erwartet auch die CDU/CSU die Einlösung des Weyer-Wechsels, nach dem 4. Mai 1975 sei Schluß mit der Politik.

Dennoch, an Ehrgeiz für "Lex-Weyer"-Lösungen hat es dem Freund kerniger Drinks nach dem Motto "Wenn der Abend kommt, kommt Willi Weyer" nie gefehlt.

Nach seiner 113:173-Niederlage bei der DSB-Präsidentenwahl 1970 in Mainz gegen den unauffälligen Juristen Dr. Wilhelm Kregel zog Weyer sofort die Konsequenzen. Vier Jahre später präsentierte ihn der Deutsche Fußballbund in Essen als DSB-Präsidenten-Kandidaten. Ausgerechnet der Verband, der noch in Mainz geschlossen gegen ihn stimmte und damit Weyers Thronbesteigung um vier Jahre hinauszögerte. Zuvor hatte der Deutsche Fußballbund mit Weyers Unterstützung das Verhandlungsergebnis der innerdeutschen Sportbeziehungen blockiert und damit den damaligen DSB-Präsidenten Dr. Wilhelm Kregel zum Rücktritt provoziert. Kregel trat am 6. April 1974, 18.35 Uhr, zurück, der Weg zum Sportbund-Präsidentenstuhl war für Willi Wyer frei. Der Amtsantritt Weyers vollzog sich wie der Einzug eines Sultans. Mit kühnen Plänen unter dem Arm machte er zunächst Sturm auf die Bundeskasse in Bonn, legte sich massiv mit den Regierenden in der Bundeshauptstadt an und testierte seinem Parteifreund und Sportressortminister des Bundes, Professor Dr. Werner Maihof er, leichtfertig: "Der Deutsche Sportbund befindet sich fast in totaler Abhängigkeit vom Bundesinnenministerium." Doch auch Weyer mußte einiges einstecken. Die FDP-Nachwuchsorganisation, die Deutschen Jungdemokraten, vermuteten wiederholt, Weyer habe das falsche Parteibuch, und der sozialdemokratische "Vorwärts" umschrieb Weyer etwas despektierlich als "Grand old Hampelmann". Weyer ist es nur teilweise gelungen, im ersten Jahr seiner DSB-Präsidentschaft durch Stetigkeit zu überzeugen und berechtigte Vorbehalte abzubauen.