Von Benjamin Henrichs

Peter Zadek, Intendant in Bochum, hat für das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg Ibsen inszeniert: "Die Wildente" wurde zu einem Höhepunkt der Theaterspielzeit. Aber gerade als eine Folge von Höhepunkten kann man diese Aufführung weder begreifen noch beschreiben.

Ein merkwürdig verwischter Anfang: erst hört man vom Band eine von Peer Rabens schönen Trauermusiken; dann schaut man auf eine tiefe, fast lichtlose Bühne, in den düsteren Salon des Konsuls Werle; sieht einem beiläufigen, fast teilnahmslosen, einem drucklosen, fast ausdruckslosen Theaterspiel zu. Diese Aufführung ist am Anfang auf eine fast forcierte Weise unforciert; beginnt so leise wie eine Inszenierung von Noelte, aber viel weniger absichtsvoll, bleibt ganz fern von Noeltes ästhetischem Absolutismus (jede Geste ein Stück Ewigkeit). Zadek komponiert nicht und definiert nicht (wie Stein in den "Sommergästen", wie Noelte im "Menschenfeind") – so sieht der Anfang seiner Inszenierung ähnlich krampflos aus wie der der anderen großen Inszenierungen dieses Jahres, aber gleichzeitig doch verwirrend kunstlos, glanzlos.

Das zweite Szenenbild, das Götz Loepelmann für die "Wildente" erfunden hat (die Wohnung der Familie Ekdal), macht die Methode der Inszenierung dann besser begreifbar. Loepelmanns Bühne ist wie ein Spiegelbild zu Zadeks Inszenierung: kein geschlossener Raum, keine geschlossene Inszenierung ist hier zu besichtigen. Vielmehr: eine Sammlung von Fragmenten. Vorne links, unter einer monumentalen Treppe, eine bürgerliche Sitzecke; in der Bühnenmitte das Mobiliar eines Photoateliers; ganz hinten, ganz weit weg vom Zuschauer, an den kahlen, schwarz und weiß getünchten, von Rohren durchzogenen Mauern des Bühnenhauses, ein Tisch mit einer grünen Lampe, eine kleine Garderobe und eine Eisentür – der Eingang zur Ekdalschen Wohnung. Vorne am Portal, quer über der Bühne, ein Dachboden, in den der Zuschauer hineinsieht: hier ist der Ekdalsche Familienzoo, hier jagt der Großvater Kaninchen, hier haust, zwischen alten, vertrockneten Weihnachtsbäumen, Hedwig Ekdals Wildente, hier wird sich das Mädchen am Ende des Stücks erschießen. Loepelmanns Arrangement sieht einer Probenbühne ähnlicher als einem durchkomponierten, ästhetisch stimmigen Bühnenbild – eine Bühne, die nicht fertig geworden ist, nicht hat fertig werden wollen.

Nicht fertig geworden ist auch diese Inszenierung, wie alle wichtigen Arbeiten Zadeks in den letzten Jahren. Nicht fertig zu werden mit den Stücken, sie nicht einzumauern in einem szenischen Beweis, ist die Methode dieser Arbeiten. Deshalb begegnet man in Zadeks Umgang mit den Figuren der gleichen Offenheit, Vorläufigkeit wie in Loepelmanns Bühne. Das macht es mühsamer und spannender, den Figuren zuzusehen; weil die Menschen auf der Bühne erst einmal so unscheinbar, so uninteressant aussehen wie im sogenannten wirklichen Leben ja auch; weil die Schauspieler erst einmal nur da sind, nicht gleich dem Publikum etwas vorzeigen: keine Kunststückchen und auch keine schnellen, brillanten Umrisse ihrer Rollen.

Ein genialer Dilettant

Zu beobachten ist das unauffällige Leben, das mittelmäßige Glück, das klägliche Unglück einer Kleinbürgerfamilie – der Familie Ekdal. Ulrich Wildgruber, den Zadek aus Bochum mitgebracht hat, spielt Hjalmar Ekdal, den Familienvorstand: einen Schönredner und Lebenslügner; einen Gestrandeten, der sein Lebenspech freilich virtuos versteckt, der sein kümmerliches Leben mit bombastischen Phrasen übertönt – der also, wenn man so will, ein Lebenskünstler ist, weil er das Talent hat, sich eine Bedeutsamkeit vorzuspielen, die es gar nicht gibt. Wildgruber beschreibt diese Figur erschreckend monoton und schrecklich richtig – weil er eben nicht komödiantisch darauf aufmerksam macht, wie hier einer dauernd über seine Phrasen stolpert; weil dies Stolpern ein längst vertrauter, fast schon unauffälliger Teil seines Lebens geworden ist. Es werden da nicht (wie in Ibsens Text) ständig die schöne Pose und die häßliche Wahrheit höhnisch nebeneinandergehalten, sondern beides verbindet sich in Wildgrubers ermüdeten Rezitationen zu höchster Selbstverständlichkeit. Die Figur verliert so ihren komischen Glanz und gewinnt etwas viel Wichtigeres hinzu: Glaubwürdigkeit und eine Art mediokrer Würde. Wie Zadek die Kunstunsicherheit des Schauspielers Wildgruber (seinen schiefen, schaukelnden Gang, seine Unfähigkeit oder Unlust, schön artikulierend zu sprechen) in die Beschreibung von Hjalmar Ekdals Lebensunsicherheit einbrachte: eine so riskante, laienhaft-geniale Schauspielerei war am Deutschen Schauspielhaus, wo man noch immer (Minks manchmal ausgenommen) viel zuviel guten Geschmack hat, wohl noch nie zu sehen. Viele waren fassungslos – und so wurde Wildgruber am Ende, als habe er Tempelschänderisches begangen, heftig angebuht.