Jeder Schnitt „erscheint uns als Eingriff in den persönlichen Bereich des Künstlers, der in einer Demokratie unverletzbar sein sollte“. Das schrieb Brigitte Jeremias (FAZ am 27. März 1975) zur Verfilmung von Schönbergs Oper „Moses und Aron“ durch Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, gesendet in allen dritten Programmen der ARD.

Am 18. Februar war Straub bei dem in dieser Sache für die ARD federführenden Hessischen Rundfunk zur „Endabnahme“ erschienen. Dazu hatten sich die Sachbearbeiter aller ARD-Anstalten versammelt. Sie wollten sehen, was sie ihrem Publikum zu Ostern 1975 zu bieten hatten. Vor der Abnahme nahm Straub den Fernsehspielchef Dr. Prescher zur Seite: Er hätte dem Film eine kurze Widmung für Holger Meins vorangestellt. Prescher meinte, mild erschrocken, das werde man bei der Vorführung dann ja sehen. Man sah, handgeschrieben: „Für Holger Meins. J. M. S. und D. H.“

Außerdem sah man im Vorspann, wer den Film in Auftrag gegeben hatte: das französische, italienische und österreichische Fernsehen und die ARD. Nein, Straub hatte geschrieben: „... und die ARD, einschließlich des Senders Westberlin“. Aber der Sender Freies Berlin sei doch Mitglied der ARD, wunderten sich die sachverständigen Zuschauer. Darauf Straub: Westberlin sei eine besondere politische Einheit und müsse daher auch besonders aufgeführt werden. Die Zuständigen strichen ohne Umstände dem heftig widerstrebenden Straub diese Demonstration zugunsten der DDR. Wer als Auftraggeber anzuführen sei, das hätten nur die Sender zu entscheiden, meinten sie.

Über die Widmung wurde gleich diskutiert; die Mehrheit war gegen sie, verwies die Entscheidung aber an die neun ARD-Programmdirektoren. Diese strichen – einstimmig – die Widmung; sie könnte „als politische Demonstration mißverstanden werden“. Darauf Straub: „Beispielloser politischer Zensureingriff“. Siebenunddreißig französische und deutsche Regisseure, Schriftsteller (darunter Peter Handke), Filmschaffende (darunter Kluge und Schlöndorff) und Filmjournalisten protestierten: „Keine demokratische Institution kann den Autoren das Recht bestreiten, einem Kollegen und Freund einen Film zu widmen.“

Die Widmung hätte „als politische Demonstration mißverstanden werden können“? Falsch: Die Widmung war eine politische Demonstration. Gewiß kann „keine politische Institution den Autoren das Recht (zu politischer Demonstration) bestreiten“. Aber muß das Fernsehen sie verbreiten? Die ARD hatte ein Kunstwerk in Auftrag gegeben, Straub und Huillet hatten diesen Auftrag angenommen. Wollten sie den Film zum Vehikel einer politischen Demonstration machen, dann mußten sie das bei Vertragsabschluß aushandeln. Von Schlitzohren braucht sich die ARD nicht hineinlegen zu lassen. Immerhin ist über Holger Meins eine von Straub und Huillet abweichende Meinung erlaubt. Er war eines Mordversuchs und des verbotenen Waffenbesitzes „dringend verdächtig“, hatten die Gerichte entschieden.

Übrigens: Auch der Verlag Schott’s Söhne und der Sohn Schönbergs hatten als Rechtsinhaber des musikalischen Werks gegen die Widmung protestiert. Sie weigerten sich, sich von Straub ein politisches Etikett aufkleben zu lassen. Das ist ihr Recht. Würde Peter Handke eine Widmung für Franz Josef Strauß als Vorspann bei der Verfilmung eines seiner Werke hinnehmen? Die Linke hat ja oft genug recht, neuerdings scheint sie mir zu leicht aufgeregt.

In der FAZ hatte Brigitte Jeremias den Film in über 1500 Worten gelobt und die Widmung verteidigt. In einem zweiten Bericht, nach der Sendung, fand Friedrich Hommel den Film nur knapp einen „noblen, aber auf rührendrechtschaffene Weise auch strapazierend gescheiterten Versuch“. Und über die gestrichene Widmung: „Den Widmungsträger des Films, Holger Meins, dessen Name die jetzt gezeigte Fassung nicht mehr enthält...“ Immerhin, sehen wir mit Vergnügen, hatte Frau Jeremias ihre (doch sicher interessante) Meinung ungehindert sagen können – konservative Zeitungen sind eben tolerant.