Alexander Dubček, ehemaliger tschechoslowakischer Parteichef, hat in einem Brief vom Oktober 1974 schwere Vorwürfe gegen die heutige Parteiführung erhoben. In dem bisher geheimgehaltenen Schreiben heißt es unter anderem (Text nach dem „Observer“):

Gewisse Bereiche der Staatssicherheitsorgane werden für die Leitung illegaler Aktivitäten gebraucht und mißbraucht, und Kräfte innerhalb dieser Organe versuchen, die alleinige Kontrolle über das politische und öffentliche Leben zu erlangen. / Deshalb fühlen sich diese Führer bewaffneter Macht wieder dazu aufgerufen, ihre Aktivitäten gegen den Feind in der Partei zu richten. Deshalb wurden Überwachungsnetze gesponnen und Spitzel nicht nur an meinem Arbeitsplatz, sondern in der ganzen Gesellschaft eingesetzt. Das behindert die Aktivität und die politische Erziehungsarbeit der Partei, vereitelt ihre Hauptaufgabe und ersetzt sie durch eine auf Zwang gegründete Ordnung. So läßt sich leichter regieren, aber gleichzeitig ist es äußerst abträglich für den Sozialismus – nicht nur in der Tschechoslowakei.

Unvermeidlich breitet sich Korruption in einer Partei, aus, der die Möglichkeit offener Diskussion und einer regulären und wirksamen Kontrolle selbst ihrer höchsten Ämter genommen ist. Angst um ihre Existenz läßt viele Parteimitglieder Entscheidungen gutheißen, mit denen sie nicht einverstanden sind. Doppelgesichtigkeit wird zur Norm: die Leute verhalten sich so auf Veranstaltungen und anders daheim, privat, unter Freunden. Statt offener Stellungnahme in Partei, Gewerkschaft, Jugend- und Frauenbewegung und in anderen Organisationen breitet sich im Volk Apathie aus: eine Atmosphäre von Verdächtigung, Furcht, Schwermut und Spitzelei entsteht. In solch einer Situation läßt sich unmöglich eine demokratische Mehrheit in der Partei erreichen und so fehlt es an Schwung für eine progressive Weiterentwicklung,

Es Ist schwer für mich zu ertragen, daß ich mit Parteiverrätern in einen Topf geworfen werde, weil ich – wie so viele andere – mit der gegenwärtigen Parteiführung darin nicht übereinstimmte, wie die Politik der Partei bei einem gegebenen Entwicklungsstand erfüllt werden, wie Schwierigkeiten gelöst und Hindernisse überwunden werden sollten. Unter den Bedingungen sozialistischer Herrschaft und Entwicklung – besonders mit Blick auf den heutigen Stand der Entwicklung und auf die Geschichte unserer Arbeiterklasse und sozialistischen Bewegung – kann und darf die Übereinstimmung mit der Parteilinie und der Beweis ihrer Korrektheit der Partei und der Gesellschaft nicht mit Gewalt, erst recht nicht mit bewaffneten Kräften, aufgezwungen werden...“