Zum anderen empfehlen wir Zurückhaltung bei Kuren. Denn den Wert und Nutzen von Kuren kann man bezweifeln. Zudem müßten eigentlich die Krankenkassen der Gegenpart der Ärzte, der pharmazeutischen Industrie und der Krankenhäuser sein, wenn es um die Festsetzung der Preise geht. Den Gegenpart zu spielen ist jedoch nur möglich, wenn ein ausgewogenes Machtverhältnis besteht. Die pharmazeutische Industrie setzt aber völlig autonom den Preis für ihre Produkte fest, den sie gerade haben will. Es gibt nicht die geringste Kontrolle, wir müssen jeden Preis akzeptieren. Und das ist nicht richtig. Auch bei den Handelsspannen, bei Großhandel und Apothekern, müssen Änderungen eintreten.

Bei den Ärzten, zeigt sich folgendes: Wir haben im Jahre 1974 etwa 14 1/2 Prozent mehr ausgegeben für ärztliche Behandlung als 1973. Diese Steigerung – wir hatten acht Prozent eingeplant – kommt daher, daß die Ärzte ständig die Behandlung ihrer Patienten ausweiten. Und ständig auch zu kostspieligeren Behandlungen übergehen. Das Honorar der Ärzte sollte natürlich mit dem allgemeinen Wirtschaftswachstum wachsen, aber nicht über diese Steigerungsrate hinaus. Darauf müßte es begrenzt werden. Wenn die Ärzte mehr Einkommen erzielen, dann doch durch Apparate und Hilfspersonen. Wenn ich Marxist wäre, würde ich an diesem Beispiel klarmachen, was Mehrwert ist. Die Ärzte lassen nämlich ihre Arbeitdurch Hilfspersonen und Apparate ausführen und verlangen dafür einen Preis, als ob sie selbst dies in persönlicher Dienstleistung erbracht hätten.

ZEIT: Warum bezahlen Sie denn das?

Töns: Weil wir unter dem Zwang stehen, solchen Abschlüssen zustimmen zu müssen. Nach unseren Vorstellungen sollen die Ärzte in diesem Jahr zwei Prozent Honorarerhöhung, höchstens drei Prozent bekommen. Es werden aber viereinhalb, fünf oder sechs Prozent werden – alles durch Ausweitung der Leistungen. Jetzt muß grundsätzlich geklärt werden, ob die Ärzte doppelt dynamisieren dürfen, einmal auf dem Weg über die Vermehrung der Leistungen, zum anderen dadurch, daß jede Leistung höher vergütet wird. Wir würden wünschen, daß dieses Problem sehr ernst in der Öffentlichkeit, diskutiert wird. Ich muß allerdings sagen, die Ärzte haben im politischen Bereich eine so starke Unterstützung, daß ich befürchte, wir werden mit unserer Auffassung nicht durchkommen.

ZEIT: Sie haben also vorgeschlagen, keine Leistungsausdehnung; Preissenkungen bei der Pharmaindustrie und Preismitsprache und Herabsetzung der ärztlichen Honorare.

Töns: Wenn wir zunächst einmal alles nur einfrieren könnten. Es braucht nicht mehr in Zukunft so rapide zu wachsen, wie in den letzten fünfzehn Jahren. Bräutigam: Ich bin kein Kassenarzt, infolgedessen gar nicht einer Ihrer Partner, über den Sie klagen. Sie dürfen nicht vergessen, daß die Leistungen, die auf Ihrer „Speisekarte“ angegeben wurden, ja Leistungen sind, die durch entwickelte Technologien erst akzeptabel gemacht worden sind. Sie müßten dann also auch dem Konsumenten Ihrer Dienstleistung klarmachen, daß nicht alles, was angeboten wird, auch unbedingt von ihm genommen werden muß. Zum anderen: Sie stehen dem Gesetzgeber offensichtlich genauso hilflos gegenüber wie wir, denn der Gesetzgeber ermuntert ja die Bevölkerung, ständig zuzugreifen. Die Ärzte verdienen doch nicht deswegen mehr Geld, weil sie neue Krankheiten erfinden, sondern weil ihr Arbeitsfeld ausgeweitet wird, weil – als Beispiel der banale Husten das erste Symptom eines Lungenkrebses sein könnte.

Es ist nun ganz undenkbar, vom Kranken zu verlangen, er sollte nicht erwarten, daß der Arzt seine Dienstleistungen ausdehnt, sprich Röntgenaufnahmen macht, Zytologien des Lungengewebes macht und so weiter. Der Arzt ist als Partner der Krankenkassen in einer mißlichen Situation, weil er ja mit Ansprüchen seiner Patienten, also Ihrer Mitglieder, konfrontiert wird. Die Ursache der Kostenexplosion liegt nicht bei den Ärzten allein, sie liegt doch wohl in den ungeheuren Ansprüchen, die der Bevölkerung wenn nicht eingeimpft, so doch von den Sozialministern des Bundes und der Länder nahegelegt werden.