Die soziale Unruhe wächst

Spanien, langjähriges Mauerblümchen Europas, wird seit einiger Zeit heftig umworben. „Die Angst vor einem zweiten Portugal und die beunruhigende Entwicklung im Mittelmeerraum haben aus dem einstigen Außenseiter Europas einen anerkannten Gesprächspartner gemacht“, bemerkte ein europafreundlicher Unternehmer nicht ohne Ironie.

Auch der kürzliche Besuch des deutschen Außenministers in Madrid hat dazu beigetragen, das angeknackste Selbstvertrauen des Franco-Regimes wieder aufzumöbeln. Den Spaniern, die seit 1962 vergeblich an die Tore der Gemeinschaft klopften und während der letzten zwei Jahre miterlebten, wie Brüssel immer wieder neue Hindernisse aufstellte, um die Unterschrift unter dem neuen Handelsabkommen zu verzögern, tat es sichtlich wohl, daß Hans-Dietrich Genscher wiederholt betonte, die Bundesregierung würde eine EG-Mitgliedschaft Spaniens unterstützen.

Die Bemühungen der westlichen Welt um bessere wirtschaftliche und politische Kontakte zu Spanien werden in Madrid indes mit gemischten Gefühlen aufgenommen. „Erst wollten sie nichts mit uns zu tun haben, und nun stehen wir auf einmal im Mittelpunkt des Interesses – diese Bemerkung eines hohen Staatsbeamten wird von vielen Spaniern geteilt. Auf der anderen Seite ist die Regierung froh, daß sie mit einigen außenpolitischen Erfolgserlebnissen auftrumpfen kann, Ihre innenpolitische und vor allem wirtschaftspolitische Bilanz sieht nämlich äußerst mager aus,

Die Diagnose der meisten „Ärzte“ – Politiker, Wirtschaftsbosse, Arbeiterführer, Wissenschaftler –, die die spanische Wirtschaftsentwicklung der letzten Zeit verfolgten, lautet: Der Patient ist krank.

Problem Nummer eins ist die galoppierende Inflation: Von 7 Prozent 1971 über 9,5 Prozent 1972 und 14 Prozent im Jahr darauf wurde im letzten Jahr die Rekordhöhe von 18 Prozent erreicht. Experten rechnen damit, daß 1975 Preissteigerungen von über 25 Prozent erreicht werden. Auch die zunehmende Arbeitslosigkeit bereitet der Regierung schlaflose Nächte. Vor allem ist sie über die Voraussage beunruhigt, in diesem Jahr könnten 200 000 Gastarbeiter nach Spanien zurückkehren.

Was die Spanier am meisten überrascht hat, ist der plötzliche Rückschlag in der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung. Nur mit der Ölkrise ist er nicht zu erklären. Je nach politischem Standpunkt werden deshalb andere Gründe mit herangezogen: Ministerpräsident Arias Navarra weist auf Schwächen in der Wirtschaftsstruktur hin, die schon vor seinem Amtsantritt bestanden, für die rechten Ultras ist die politische Liberalisierungswelle an allem schuld, während die demokratischen Kräfte das Regime verantwortlich machen. Viele Experten sind sich darüber einig, daß es eine plausiblere Erklärung für den plötzlichen Wirtschaftsumschwung gibt: die sozialen Spannungen und die zunehmende politische Unsicherheit.