Mit einem Fingerdruck: Polizeilicher Einsatz rührt zu Tränen. Mehrere Bundesländer erproben die amerikanische Sprühwaffe Chemical mace“ – Vorstufe zum Schußwaffengebrauch.

Eine chemische Waffe, die in den USA schon seit vielen Jahren zur Polizeibewaffnung gehört, soll jetzt auch im Bundesgebiet die Polizei in die Lage versetzen, renitente Rechtsbrecher mit einem Fingerdruck kampfunfähig zu machen. Auf jenen Fingerdruck versprüht die „Chemische Keule“, wie das aus Amerika eingeführte Reizstoffsprühgerät „Chemical mace MK/V“ genannt wird, einen Flüssigkeitsstrahl, der beim Meeschen einen Augen- und Hautreiz sowie eine Reizung der Nasen- und Mundschleimhäute hervorruft. Der Effekt: der Besprühte muß, je nach Dosis, bis zu 20 Minuten lang wie ein Schloßhund heulen. Er wird vorübergehend völlig apathisch und denkt nicht mehr an Widerstand.

Möglich macht diese tränenreiche Wirkung eine kleine Menge, 0,9 Prozent, Cloracetophenon, die in der Flüssigkeit enthalten ist. Wie notwendig die umstrittene Spritzpistole ist, soll erst die Erfahrung zeigen. Der hessische Innenminister machte den Anfang. Zu Beginn dieses Jahres gab Baden-Württemberg an tausend Polizeibeamte die chemische Keule aus. Inzwischen haben weitere sechs Bundesländer nach einem Beschluß der Innenminister-Konferenz ebenfalls „Chemical mace“ in das Waffenarsenal ihrer Polizei aufgenommen. Im Stuttgarter Innenministerium denken verantwortliche Polizeiführer positiv über die neue Waffe: „Besser eine Viertelstunde heulen als unter Umständen ein Schußloch in der Brust.“

Stuttgarts Polizeichef Günther Rathgeb sieht die keulenartige Spritzpistole als „Vorstufe zum Schuß Waffengebrauch“ an. Der Polizeioberrat: „Chemical mace soll dort eingesetzt werden, wo wir mit Mitteln der körperlichen Gewalt (dazu gehört auch der Gummiknüppel) nicht mehr weiterkommen, aber die Schußwaffe aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht einsetzen wollen und können.“ Grundsätzlich soll die chemische Keule nur bei besonderen Einsatzsituationen benutzt werden. Diese genau zu definieren, ist der Polizei zumindest in Baden-Württemberg noch nicht möglich gewesen. Ein Beispiel aus der Praxis gibt es im Stuttgarter Industrievorort Feuerbach.

Dort wollten zwei Polizeibeamte einen erheblich betrunkenen Familienvater einer siebenköpfigen Familie wegen seines renitenten Verhaltens in den „Schwitzkasten“ nehmen. Doch der bärenstarke Mann wehrte sich. Daraufhin zog einer der Polizisten seine chemische Keule und gab aus fünf Meter Entfernung einen „Flüssigkeitsschuß“ auf den Mann ab. Der Erfolg blieb nicht aus: Der Mann sackte zusammen und ließ sich, apathisch geworden, abführen.

Daß die Spritzpistole aber auch unangenehme Folgen haben kann, mußten kürzlich Polizeibeamte im hessischen Darmstadt erfahren. Ein „Schuß“ aus der Spritzpistole hatte bei einem Getroffenen in einer Gaststätte länger anhaltende Wirkung, als ursprünglich angenommen. Der Getroffene unternahm als Betroffener rechtliche Schritte gegen die Beamten. Das Stuttgarter Innenministerium hat deshalb nicht ohne Grund angeordnet, daß die Beamten im Umgang mit der chemischen Keule gründlich unterwiesen werden müssen. So muß, abgesehen von Notwehrsituationen, ein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden. Die Augen des Angreifers dürfen nicht direkt angesprüht werden. Es darf nicht länger als eine halbe bis eine Sekunde lang gesprüht werden.

Siegfried Clemens