Nur wenige Firmen überleben die neue Regelung der Finanzbehörden

Erst mokierten sich die Herren Richter über eine unleserliche Unterschrift, „der die Merkmale einer Schrift fehlen“. (Urteil AZ IB 96/74 vom 26. 2. 75), Dann formulierten Professor von Wallis, Präsident des Bundesfinanzhofs, und seine Kollegen einen Rechtsspruch, der eines der traurigsten Kapitel des deutschen Geldanlagemarktes seit dem Zusammenbruch des IOS-Investmentimperiums beendet – die fragwürdigen Praktiken der Abschreibungsbranche mit Finanzamtsbescheinigungen.

Die Richter stellen fest, daß einem Erlaß aus Bonn über die Bearbeitung von Anträgen auf Herabsetzung der Einkommensteuervorauszahlungen „die Rechtsnormqualität fehlt“. Wäre zwingendes Recht, Was deutsche Finanzbeamte seit Februar 1972 praktizieren, widerspräche es sogar dem Gesetz, heißt es im Beschluß aus Karlsruhe. Diese „Persilscheine vom Fiskus“ erwiesen sich als Freibrief für leichtsinnige und unerfahrene Vermögensberater und Finanzmakler.

Mit dem amtlichen Siegel „vom Finanzamt bestätigt“ und Versprechungen jeder Art lockten Abschreibungsfirmen Hunderttausende von Anlegern in finanzielle Abenteuer hinein, an deren Ende häufig statt der erwarteten Umwandlung von Steuergeldern in Vermögen Skandale und Pleiten standen. „Aus sogenannten Verlustbescheinigungen ist fälschlicherweise geschlossen worden, daß die Finanzverwaltung die Bonität des Unternehmens, die Wirtschaftlichkeit und die Förderungswürdigkeit geprüft hat“, gab das Bundesfinanzministerium zu.

Seit einigen Tagen ist diese Praxis, die auf dem umstrittenen Erlaß vom Februar 1972 beruht, beendet. „In Zukunft sind keine Verlustbescheinigungen mehr auszustellen“, heißt es im Erlaß vom 10. April aus Bonn (IV B2-S 2241-35/75, IV B5-S 2297-19/75). Für die Branche ist das ein harter Schlag. Ohne Unterstützung vom Finanzamt lassen sich die meist hochriskanten Beteiligungen nur noch schwer an Kapitalanleger verkaufen. Um überhaupt noch Steuervorteile anbieten zu können, müssen sie ihre Karten obendrein offen auf den Tisch legen (siehe Kasten auf der nächsten Seite).

Damit endet die Zeit undurchsichtiger Finanzakrobatik und fetter Provisionen, die zahlreiche Abschreiber in wenigen Jahren zu Millionären machten. Kleine Firmen können die jetzt verlangten Vorleistungen, die bei den Objekten in die Millionen gehen können, gar nicht mehr aufbringen. „Wenn die (Finanzbehörden) das durchkriegen, kann ich meinen Laden schließen“, meinte Erwin-Walter Graebner, Chef der Kölner Consulta, einer der Großen im Abschreibungsgeschäft, noch vor einigen Tagen scherzhaft.

Tatsächlich aber schafft der Erlaß „die Voraussetzungen für einen volkswirtschaftlich sinnvollen Einsatz des Finanzpotentials kapitalkräftiger Anleger“, wie Dr. Dieter Quast vom Kölner Institut für Vermögensplanung (Ifv) meint. Statt eigene Beteiligungsgesellschaften zu konstruieren, aufzubauen, zu finanzieren und über eigene oder nahestehende Firmen zu bewirtschaften (Graebner: „Das hat alle Gesellschaften überfordert“), suchen die sechs bis sieben großen Abschreibungsgesellschaften, die den Zusammenbruch des Immobilienmarktes und die Hochzinsperiode des vergangenen Jahres mehr oder weniger schadlos überstanden haben, verstärkt nach ersten Adressen, die das Management übernehmen.