Von Heinz Michaels

Die Situation ist mit zwei Konjunktiven umrissen: Wäre vor sechs Jahren nicht die Fusion der NSU-Motorenwerke mit dem Volkswagenwerk – genauer gesagt: mit der VW-Tochtergesellschaft Auto Union – erfolgt, so würde sich heute nicht das Problem stellen, ob das Neckarsulmer Autowerk geschlossen oder einige tausend Arbeitskräfte entlassen werden sollen. Denn – so Gerd Stieler von Heydekampf – ohne die Fusion gäbe es das Werk gar nicht mehr.

Heydekampf muß das wissen, denn er war bis 1969 Vorstandsvorsitzender von NSU und Promoter der Fusion. Und wann immer der heute Siebzigjährige bei einem Werksbesuch von Arbeitern auf die alten Zeiten angesprochen wird und darauf, daß „NSU doch von VW verraten“ worden sei, hält er ihnen dies entgegen.

„Mit Dr. Richter, unserem Aufsichtsratsvorsitzenden, war ich immer einig, daß NSU bis 1974 verheiratet sein muß“, erinnert er sich und fügt hinzu: „So wie die, Dinge im Automobilgeschäft gelaufen sind, hatte NSU das Jahr 1973 nicht überlebt.“

Vor vier Jahren zog sich der geborene Berliner und promovierte Ingenieur nach einem Herzinfarkt aus dem aktiven Geschäft zurück. Seitdem ist Heydekampf Aufsichtsratsmitglied der Audi NSU Auto Union AG, doch: Was hat der Aufsichtsrat einer Tochtergesellschaft, die zu hundert Prozent im Konzernbesitz ist, schon zu entscheiden?

So betrachtet er von seiner repräsentativen Villa in einem ruhigen Wohnviertel oberhalb Heilbronns mit Distanz und Gelassenheit, was im wenige Kilometer entfernten Neckarsulm geschieht, wo er 18 Jahre lang im Chefzimmer des größten Industriebetriebes dieser Region saß und die Arbeit von 10 000 Menschen dirigierte. Blickt er jetzt, da sein Lebenswerk gefährdet erscheint, nicht zurück im Zorn?

Als 1969 die Verträge mit dem damaligen VW-Chef Kurt Lotz unter Dach und Fach waren, sagte Heydekampf in einem Spiegel-Interview zu dem Einwurf, daß er nun wohl nach der Wolfsburger Pfeife tanzen müsse: „Wolfsburger Pfeife klingt ja schon nach Dressur. Ich glaube nicht, daß uns ein Dressurakt bevorsteht.“