Auch das Beispiel VW beweist: staatlich kontrollierte Konzerne werden schlechter geführt als private Unternehmen

Was die Mächtigen des Volkswagenkonzerns uns vorexerziert haben, das könnte sich im Deutschland des Jahres 1975 kein privater Unternehmer mehr erlauben. Man stelle sich vor: Flick oder Quandt hätte im Januar verkündet, Massenentlassungen in seinem Bereich seien unumgänglich – aber die Mitarbeiter sollten sich gefälligst drei Monate gedulden, dann würde über ihr Schicksal entschieden. Ein Sturm der Entrüstung hätte sich erhoben – der berechtigten Entrüstung darüber, daß tausende von Arbeitern mit ihren Familien solange im Ungewissen gelassen werden.

Der VW-Aufsichtsrat aber tat eben dies: Er beschloß im Januar, im April zu entscheiden, wie sich das Unternehmen „gesundschrumpfen“ müsse. Seitdem durften in Neckarsulm, Salzgitter und anderswo die VW-Mitarbeiter den Zeitungen entnehmen, wie hoch oder niedrig die Überlebenschance für ihren Arbeitsplatz jeweils an der Gerüchtebörse notiert wurde.

Lehrreich ist die Misere von Wolfsburg in zweierlei Hinsicht. Einmal zeigt sie, daß staatlich kontrollierte Unternehmen besonders krisenanfällig und leistungsschwach sind. Wer die Beispiele Bahn oder Post nicht gelten lassen mag, der muß sich VW vorhalten lassen. Kein anderes Automobilunternehmen in der Bundesrepublik hat so hohe Verluste gemacht, muß so viele Arbeitskräfte entlassen, hat eine so ungewisse Zukunft: Daimler hat das „Krisenjahr des Autos“ glänzend überstanden, BMW wurde kaum angeschlagen, Opel und Ford haben sich wieder erholt – nur bei VW ging’s steil bergab.

Eigentlich kann im Ernst nach diesen Erfahrungen niemand mehr für staatliche Investitionslenkung plädieren. In Wolfsburg hatten schließlich seit fünfeinhalb Jahren sozialdemokratisch geführte Regierungen und Gewerkschaften die ungeteilte Macht (die privaten Eigentümer, die knapp eine Million Kleinaktionäre, sind seit eh und je ohne jeden Einfluß), sie hatten alle Daten zur Verfügung, konnten Investitions- und Personalentscheidungen treffen, das Unternehmen nach ihren Vorstellungen steuern. Das Ergebnis ist bekannt: der höchste Verlust, den ein deutsches Industrieunternehmen je hinnehmen mußte.

Doch noch eine zweite Lehre muß man ziehen: Paritätische Mitbestimmung bedeutet nicht mehr Sicherheit für die Arbeitnehmer. VW ist de facto ein Unternehmen, in dem die Gewerkschaften ein Vetorecht haben (schließlich werden Beauftragte sozialdemokratischer Regierungen ihre politischen Freunde nicht niederstimmen). Heute klagen alle, daß die nach dem Rutsch des Dollar wohl unvermeidliche Entscheidung, ein Werk in den USA zu kaufen oder zu bauen, nicht „rechtzeitig“ getroffen worden ist. Doch ist es eben Gewerkschaftern nicht zuzumuten, rechtzeitig für den Abbau von Arbeitsplätzen zu plädieren.

Natürlich hätte auch vor – sagen wir – drei Jahren eine teilweise Verlagerung der Produktion in die USA Entlassungen notwendig gemacht – doch damals in der Hochkonjunktur gab es überall Arbeitsplätze genug. Nun müssen sie gehen – mitten in der Rezession. Und die Gewerkschaften geben sich alle Mühe, ihre Mitverantwortung zu verschleiern: Drinnen im Aufsichtsrat ist Eugen Loderer vernünftig, beugt sich den Notwendigkeiten – und draußen organisiert seine IG Metall Protestkundgebungen. Zur Nachahmung empfehlenswert? Diether Stolze