ZEIT: Die Deutschen sind auf Ihr Gesundheitssystem nie so stolz gewesen wie die Engländer auf ihren berühmten Health Service. In der Bundesrepublik ist aber inzwischen ein noch komplexeres System entwickelt, worden, dessen ins Riesenhafte steigende Kosten uns große Sorgen machen. In Amerika sind die Kosten der Gesundheit schon auf 17 bis 18 Prozent des Nationaleinkommens gestiegen. Bei uns liegen die Krankenkassenbeiträge jetzt bei 12 bis 14 Prozent eines Monatseinkommens, bei den Privatversicherungen zum Teil noch höher: Bald wird uns die Gesundheit zwei Monatseinkommen im Jahr kosten.

Professor Illich erklärt, daß das ganze System von Grund auf verändert werden müsse. Er konfrontiert uns mit einer neuen Weltanschauung, die sicherlich nicht von allen geteilt wird. Darum wird die Kontroverse gehen. Wir werden hier keine Lösung für die Probleme finden, aber sich auf den Weg dorthin zu begeben, das ist die Aufgabe dieses Kreises.

Illich: Worum handelt es sich eigentlich? Gesundheit gibt das Niveau an, auf dem ein Lebewesen autonom mit seiner Umwelt fertig wird. Im Fall des Menschen heißt dies, daß er die Fähigkeit besitzt, die äußeren Umstände so zu gestalten, daß sie den inneren Zuständen entsprechen. Gesundheit bezieht sich also auf das Niveau von Autonomie, und das Niveau von politischer Fähigkeit, die Umwelt zu gestalten.

Wenn aber diese Autonomie und jegliche Aktivität immer mehr zu etwas wird, was von Institutionen abhängt, wenn also Gesundheit schließlich zur Anpassung des Individuums an Interessengruppen und Behörden wird, dann muß sie von einem gewissen Punkt an zwangsläufig absinken.

ZEIT: Diese Behauptung hat sich beim technischen Fortschritt empirisch als richtig erwiesen: Der technische Fortschritt hat Positives, hat Nützliches geleistet, aber von einem bestimmten Punkt an hat er neue Probleme geschaffen, die schwieriger sind als die, die er gelöst hat. Insofern könnte man Ihrer Theorie beipflichten, aber für den spezifischen Fall der Medizin muß sie wohl doch erst einmal bewiesen werden.

Wolters: Ist denn solch ein Trend überhaupt aufzuhalten? Eine Gesellschaft, die immer komplexer wird, wird automatisch auch immer arbeitsteiliger. Daraus ergibt sich auch auf medizinischem Gebiet für den einzelnen der Zwang, bestimmte Dinge, die er früher in eigener Verantwortung erledigen konnte, anderen zu überlassen. Es ist also fraglich, ob man unser Gesundheitswesen in Richtung auf eine Mobilisierung der Selbstheilungskräfte des Individuums entscheidend verändern könnte. Vielleicht bis zu einem gewissen Grade, aber ob dies die zentrale Wandlung sein könnte, das bezweifle ich.

Illich: Mir kommt es in der Analyse der Medizin darauf an, ein Paradigma, ein Modell zu finden, durch das sich die Zweckwidrigkeit einer Arbeitsteilung jenseits gewisser Grenzen nachweisen läßt. Ich beobachte, daß wir uns im Augenblick in einer Phase befinden, in der sich eine spezifische Kontraproduktivität herausbildet, die genau das Gegenteil von dem erzeugt, wofür der betreffende technologische Sektor ursprünglich strukturiert wurde.