Algier, im April

Die Begeisterung ließ auf sich warten. Als Frankreichs Staatspräsident Valery Giscard d’Estaing in Algier ankam, war die Aufnahme herzlich, aber gedämpft. Nach zwei Tagen aber hallten die Stakkatorufe „Vive la France – Vive Giscard“ durch die engen Gassen der Provinzstädte Constantine und Skikda. Knapp dreizehn Jahre nach der Gründung eines unabhängigen Algerien erklang in dem ehemals nordafrikanischen Departement Frankreichs erstmals wieder öffentlich die Marseillaise. Und wenn während der dreitägigen Visite Giscards viel von französisch-arabischer Freundschaft die Rede war, dann war das nicht nur eine diplomatische Floskel.

Für Paris hat das neue, normalisierte Verhältnis zu Algerien den Charakter einer Aussöhnung. Sie ist durchaus mit der deutsch-französischen Verständigung vergleichbar. Auch hier gab es Haß, Krieg, Folter und Terror zu bewältigen, und dem Leid der Algerier stand die Vertreibung von über einer Million Franzosen gegenüber. So wie de Gaulle und Adenauer mit ihrem versöhnlichen Bruderkuß ein historisches Datum setzten, so schufen Valery Giscard und Houari Boumedienne die Grundlage für einen Neubeginn, der vor ein paar Jahren unmöglich gewesen wäre.

Nun ist Giscard sicher der letzte, der sich von sentimentalen Überlegungen zu einem solchen Schritt bewegen ließe. Entscheidender war für ihn die Erkenntnis, daß Algerien eine Schlüsselrolle in der künftigen französischen Mittelmeerpolitik spielen wird. Paris und Algier sind gleichermaßen darauf bedacht, den Einfluß der beiden Supermächte Amerika und Sowjetunion im Mittelmeer zu reduzieren. Frankreich hat dies vor allem mit seiner Entscheidung demonstriert, einen Teil seiner Flotte von der Atlantikküste nach Toulon zu verlegen.

Gerade im Nahen Osten möchte Giscard mehr Einfluß gewinnen. Nachdem Henry Kissingers Friedensmission gescheitert ist, scheint der Zeitpunkt hierfür besonders günstig. So drängen Algerien und Frankreich gemeinsam auf eine baldige Wiederbelebung der Genfer Friedenskonferenz. Auch Griechenland, seit jeher mit Paris verbunden, setzt auf Frankreichs Vermittlung im Zypernkonflikt. Unterstützte Algerien die Rolle der Franzosen als ehrliche Makler, so könnten sie ihren Einfluß auf der weltpolitischen Bühne gewiß verstärken.

Algeriens Gewicht ist bedeutend. Unter Boumedienne hat es sich zum Sprecher der Dritten Welt aufgeschwungen; gleichzeitig aber gehört es als wichtiger Ölexporteur dem Opec-Block an. Bei allen Rohstoffdebatten der vergangenen Jahre setzte Algier deutliche Akzente, und auch bei der jüngsten Vorbereitung des Energiedialogs in Paris übernahm es den Part eines Sprechers der Entwicklungsländer, ohne damit zugleich die Araber zu brüskieren. So ist es kein Zufall, daß gerade der zwischen Giscard und Boumedienne ausgehandelte Kompromiß für eine endgültige Tagesordnung die völlig festgefahrenen Pariser Gespräche wieder in Gang brachte. Bewußt redete Giscard in Algerien ständig von einer „neuen Welt Wirtschaftsordnung“, Er hatte die Dritte Welt im Visier und unterstrich gleichzeitig seinen Anspruch auf eine Mittlerrolle im zu erwartenden euro-arabischen Dialog.

Giscardś Interesse an Algerien hat aber auch handfeste ökonomische Motive. Frankreich • ist mit Abstand der bedeutendste Lieferant der Algerier: Es bestritt 1974 rund 30 Prozent der algerischen Importe und kaufte dafür den größten Teil seines Erdöl- und Erdgasbedarfs im Reiche Boumediennes. Die Handelsbeziehungen erlitten im Frühjahr 1971 einen schweren Rückschlag, als Algerien 51 Prozent der französischen Ölbeteiligungen im Lande verstaatlichte. Doch nach der drastischen Erhöhung der Ölpreise beschleunigte Algerien seine Industrialisierung und vergrößerte damit den Importbedarf. So erzielte Frankreichs Industrie 1974 bereits wieder einen Überschuß von 1,5 Milliarden Francs im Handel mit Algier; über Großaufträge im Wert von 20 Milliarden Francs wird zur Zeit verhandelt.