Von Gottfried Sello

Nach endlosen und überaus komplizierten Verhandlungen ist es dem Kunstverein in Hamburg gelungen, einen prominenten Maler der DDR, den Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler und Träger höchster Auszeichnungen, den Maler Willi Sitte in der Bundesrepublik auszustellen.

Willi Sitte ist auch bei uns nicht ganz unbekannt. In den sechziger Jahren hat er sich mehrfach an Ausstellungen im Münchner Haus der Kunst beteiligt, was damals noch ohne weiteres möglich war. 1968, als parmstadt eine internationale Übersicht zum Thema „Menschenbilder“ veranstaltete, war die DDR mit Sitte und einigen anderen Künstlern vertreten. Heute ist der Weg über die Grenze für Künstler entweder überhaupt nicht oder nur unter grotesken Bedingungen passierbar. Im Katalog der Hamburger Ausstellung ist die Formel abgedruckt, auf die sich die Partner schließlich geeinigt haben: „Der Kunstverein in Hamburg dankt dem Parteivorstand der DKP, der die Verwirklichung der ihm zur Verfügung gestellten Sitte-Ausstellung dem Kunstverein übertragen hat.“ Der Satz wäre eine Glosse wert, er liest sich wie das Kommuniqué von internationalen Konferenzen. Die Beteiligten glauben, ein juristisches Meisterstück abgeliefert zu haben, das sich bei nochmaliger Lektüre als totaler Nonsens herausstellt. Wie eigentlich soll jemand (der Kunstverein) eine Ausstellung „verwirklichen“, die ihm oder einem Dritten (dem Parteivorstand) „zur Verfügung gestellt“ wird? Es lohnt nicht, sich darüber politisch zu entrüsten, daß die DKP hier reichlich plump ins Spiel gebracht und vorgeschoben wird. In der DDR scheint man anzunehmen, daß sich daraus eine Aufwertung der DKP ergeben könnte. Die Ausstellung, schreibt Uwe M. Schneede, der die Bilder im Atelier von Sitte und in den Museen der DDR ausgesucht hat, soll über die individuelle Entwicklung des Malers Willi Sitte informieren und darüber hinaus Anschauungsmaterial liefern für die längst fällige Diskussion um den sozialistischen Realismus. Sitte zählt heute zu seinen anerkannten und maßgeblichen Vertretern. Daß er lange Zeit umstritten war, daß seine Malerei in der DDR lebhaft kritisiert und angegriffen wurde, ist ein interessanter Hinweis auf Veränderungen im Kunstverständnis der DDR, und zwar in der Theorie ebenso wie in der DDR, und zwar in der Theorie ebenso wie in der Praxis, wobei man feststellen muß, daß nicht Sitte sich den Forderungen der offiziellen Kunstdoktrin angepaßt hat, sondern seine Malerei allmählich akzeptiert wurde. Sitte hat das Spektrum des sozialistischen Realismus erweitert. Dabei ist es nie um die Bildinhalte gegangen, sondern immer nur um die Gestaltungsmittel, die er zur Realisierung seiner Motive und Ideen eingesetzt hat. Sitte ist immer linientreu gewesen, seine Bilder seien „die Arbeiten eines prinzipienfesten und im politischen Kampf geschulten Kommunisten“, bestätigt Hermann Raum aus Rostock im Katalog der Hamburger Ausstellung. Aber Sitte hat einen durchaus eigenwilligen Stil, eine künstlerische Methode entwickelt, um seine politischen Absichten in die Malerei zu transponieren. Er distanziert sich ebenso von einer platten Agitationskunst wie von einer simplifizierenden Glorifizierung der Arbeiterklasse. Die peinlich genaue, die naturalistische Wiedergabe von Realität ist ihm suspekt. Sein Monumentalgemälde „Leuna 1969“, das in der DDR als Schlüsselbild des sozialistischen Realismus gefeiert wird, ist der Versuch, die Wirklichkeit als ein sich Veränderndes, als einen Prozeß, ein dynamisches Geschehen aufzufassen.

Wie läßt sich Bewegung darstellen? „Unsere von Grund auf veränderte Umwelt verlangt auch in der Kunst neue Ausdrucks- und Darstellungsmittel, neue Methoden, bisher unbekannt... Der konventionelle Sehschlitz ist für den Sozialismus zu eng geworden“, schreibt Sitte, 1967. Und gerät alsbald in Widerspruch zu seinen hochgemuten Zielvorstellungen. Er sucht und findet die neuen Methoden, das bisher Unbekannte in der Vergangenheit. Er greift auf die Futuristen zurück und ihre Methode, das Bild durch Phasenverschiebungen, durch Überlagerungen zu dynamisieren.

Oder er arbeitet nach dem Prinzip der Collage, selbstherrlich und gewaltsam werden Fragmente, Details aus den verschiedensten Realitätsebenen in das Bild hineingeholt und durcheinandergewirbelt. Gelegentlich fühlt man sich an die Simultanbilder erinnert, die Heinrich Vogeler in den zwanziger Jahren gemalt hat. Den heftigen, leidenschaftlichen, ausfahrenden Pinselduktus hat Sitte von Lovis Corinth übernommen, aus seiner Verehrung für Corinth hat er nie einen Hehl gemacht? Eines seiner zahlreichen Liebespaare hat er ausdrücklich „Hommage à Corinth“ genannt. In den frühen Bildern wiederum dominieren Einflüsse von Picasso und Léger, auch von Guttuso.

Aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bezieht Sitte für seine eigene Malerei gewisse formale Qualitäten, Und wer sich an so bedeutenden Leitbildern orientiert, kann nichts produzieren, was auch nur von fern an „Kunst im Dritten Reich“ erinnert. Maler wie Sitte hätte man damals als „entartet“ abgestempelt. Insofern bedeutet die Sitte-Ausstellung schon eine wichtige Korrektur an gewissen westlichen Vorstellungen, die den sozialistischen Realismus, wie er in der DDR praktiziert wird, pauschal mit Nazi-Kunst gleichsetzen. Davon kann angesichts der Sitte-Bilder keine Rede sein. (Kunstverein in Hamburg bis zum 18. Mai, Katalog 17,– DM)