Die Amerikaner wollten helfen. Und sie dachten, wenn man vietnamesische Waisenkinder zu Tausenden adoptiere, könnte eigentlich nichts schiefgehen. Den Kindern ein neues Elternhaus, eine neue Heimat, eine vielversprechende Zukunft zu geben – wäre dies nicht ein Musterbeispiel für angewandte Anteilnahme an dem Leiden von Millionen?

Von einem Tag zum anderen machten die Amerikaner die Idee einer Luftbrücke zur Ultima ratio. ihres menschlichen Mitgefühls für Vietnam. „Operation Baby-Lift“ absorbierte alle ihre Emotionen. Die Idee dazu hatte Ed Daly, der Boß der amerikanischen Chartergesellschaft „World Airways“, die die letzten Flüchtlinge aus Da Nang ausgeflogen hatte. Aber die Behörden, auch die amerikanischen, wollten zunächst von einem „Baby-Lift“ nichts wissen.

Diese Haltung löste in Amerika Empörung aus. Präsident Ford reagierte. Er machte die Idee Dalys ohne langes Fackeln zu seiner eigenen und offerierte den Amerikanern ein geradezu ideales Objekt für ihr Mitgefühl. Fernsehen und Presse verbreiteten Rührgeschichten über die Waisenkinder und ihre wartenden Pflegeeltern. Der Absturz des ersten mit Adoptivkindern vollgestopften Militärflugzeuges in Saigon verstärkte diesen Effekt so weit, daß innerhalb von zwei Tagen Tausende von Amerikanern ein vietnamesisches Kind adoptieren wollten. Millionen anderer vollzogen diesen Adoptionsbeschluß im Geiste mit. Amerika adoptierte gewissermaßen die Jugend Vietnams, um ihr in der neuen Welt jene Zukunft aufzubauen, die ihr in Südostasien durch den Kommunismus versperrt ist.

Nur wenige kritische Amerikaner realisierten in dieser anfänglichen Euphorie, daß sich hinter der millionenfachen Identifikation mit einer massenhaften Adoption bedenkliche psychologische Motivationen verbargen. Als der Schock über den Flugzeugabsturz überwunden war, wurde denn auch die Skepsis über Sinn und Zweck des „Baby-Lifts“ immer vernehmbarer. Schließlich – fünf Tage nach Beginn der Waisen-Luftbrücke – schlug die Begeisterung über Nacht in Kritik um.

Leitartikler fragten nun, wollten die Amerikaner mit dem überzogenen Adoptionsrummel am Ende nur ihren Schuldkomplex gegenüber Vietnam abbauen, das Gefühl der Ohnmacht Lügen strafen? Lag ihnen wirklich das Schicksal dieser Kinder am Herzen, oder waren diese nur Ersatzobjekt zur Ablenkung von der Ratlosigkeit, wie man in Vietnam jetzt noch Hilfe demonstrieren könne? War die Adoption von Tausenden von vietnamesischen Kindern durch amerikanische Eltern überhaupt in deren Interesse, drohte ihnen denn wirklich Gefahr für Leib und Leben? Warum das Engagement für vietnamesische Adoptivkinder, wo es doch in den USA derzeit 120 000 Waisen gibt, die vergeblich auf Adoption warten?

Zunächst einmal ist festzuhalten, daß die von Präsident Ford angeordnete Luftbrücke für 2000 vietnamesische Waisenkinder aus Saigon eine Gruppe von Kindern betraf, die lange vor Beginn der jüngsten Offensive Adoptiveltern in den USA gefunden hatten und deren Eignung in langwierigen Verfahren geprüft worden war. Im Grunde war also diese Luftbrücke gar keine unmittelbare Antwort auf das Flüchtlingselend, obwohl Ford sie so darstellte und die meisten Amerikaner sie so interpretierten. Vom Interesse der Kinder her gesehen, war diese Form der Adoption noch am wenigsten problematisch. Nicht nur, weil ihre künftigen Pflegeeltern einem scharfen Ausleseverfahren unterzogen worden waren, sondem weil viele dieser Kinder ohnehin halb amerikanischer, halb vietnamesischer Herkunft sind Sie wurden von amerikanischen Soldaten gezeugt Es sprach in der Tat einiges dafür, für diese Kinder in den USA neue Eltern zu finden.

Problematisch vom Gesichtspunkt der Adoption aus ist dagegen das spontane Interesse, das Tausende von Amerikanern mit Beginn des „Baby-Lifts“ anmeldeten. Viele von ihnen hatten bis dahin gar keine konkreten Absichten, ein Kind zu adoptieren. Wäre es nicht besser, diese Kinder wüchsen in ihrer eigenen kulturellen Umgebung mit amerikanischer Hilfe auf, statt sie zu Tausenden in die USA zu verpflanzen?

Die Amerikaner brauchten weniger als eine Woche, um herauszufinden, daß diese Waisen-Luftbrücke nicht die richtige Antwort auf das millionenfache menschliche Leid auf beiden Seiten der Fronten in Vietnam und Kambodscha ist. Das bedarf eines anderen, eines umfassenderen Programms. Und doch ist diese „Operation Baby-Lift“ mehr als eine bloße Episode des menschlichen Dramas in Südostasien. Sie ist eine Fallstudie in Massenpsychologie und nationalem Schuldkomplex. Jürgen Kramer