Am Aktienmarkt herrscht eitel Freude und Sonnenschein. Übereinstimmend sind die Börsianer der Ansicht, daß die Aufwärtsbewegung noch nicht am Ende ist. Entweder – so sagt man – zeichnet sich die von der Bundesregierung angesteuerte Konjunkturbelebung bald ab; dann wird das die Börsenphantasie weiter anregen. Oder die Wirtschaft belebt sich nicht im wünschenswerten Ausmaß; dann ist die Bundesbank gezwungen, durch Druck auf den Zins und eine von ihr inszenierte Geldschwemme das Schwungrad der Konjunktur in raschere Drehungen zu bringen. Mehr Liquidität bedeutet nach alter Börsenerfahrung auch eine Spritze für den Aktienmarkt.

Kein Wunder, wenn sich der Aktienmarkt zu einer echten Alternative zu anderen Sparformen entwickelt hat. Nun sind aber Aktien nicht jedermanns Sache. Wohin also mit dem Geld, wenn nicht in die Aktien? Die Zeiten, da man ohne Kursrisiko zehn Prozent und mehr mit seinem Geld „machen“ konnte, sind vorüber. Die Kreditinstitute bauen ihre teuren Termineinlagen zügig ab. Da sie sehr flüssig sind, scheuen sie sich, neue aufzunehmen.

Die jetzt angebotenen 8 1/2prozentigen öffentlichen Anleihen bringen bei einer Laufzeit von acht Jahren eine Rendite von 8,77 Prozent. Ihr Absatz stößt zwar auf wenig Schwierigkeiten, aber die Nachfrage danach ist keineswegs stürmisch. Ein großer Teil der professionellen Anleger zieht Emissionen mit kürzeren Restlaufzeiten vor. Damit verzichten sie darauf, die im Augenblick höchste Rendite „einzukaufen“. Dieses Opfer wird gebracht, um mehr Kurssicherheit zu bekommen. Denn wer heute festverzinsliche Papiere kauft, muß an die Zinsentwicklung von morgen denken. Kommt nämlich die Konjunktur in Gang, so wie es Bonn sich erhofft, wird ein Anstieg der Inflationsraten unvermeidlich sein. Die UN-Wirtschaftskommission sagte für spätestens 1977 eine weltweite steile Inflationswelle voraus.

Ihr wird die Regierung mit Restriktionen, also mit hohen Zinssätzen, begegnen müssen. Und was das für die Kurse der im Umlauf befindlichen festverzinslichen Papiere bedeutet, wissen wir, meine verehrten Leser, aus der jüngsten Vergangenheit nur zu genau.

Die Aussicht, in ein oder zwei Jahren wieder zehn oder zwölf Prozent Zinsen für Ersparnisse erzielen zu können, läßt es manchem Anleger als ratsam erscheinen, mit seinem Geld heute so beweglich wie möglich zu bleiben. Darauf ist auch die Nachfrage nach Bundesschatzbriefen zurückzuführen, die in den letzten Monaten für viele hundert Millionen Mark abgesetzt worden sind. Sie hatten sich zu einer wirklichen Konkurrenz zu den 8 1/2prozentigen Anleihen entwickelt. Deshalb sind ihre Konditionen jetzt verschlechtert worden. Dennoch bleiben sie als Alternative weiter im Rennen.

Die neuen Schatzbriefe haben Renditen von 7,71 Prozent (Typ A) mit sechs Jahren, Laufzeit und jährlicher Zinsausschüttung, und 7,99 Prozent (Typ B) mit sieben Jahren Laufzeit und Zinsansammlung. Im ersten Jahr bringen die neuen Schatzbriefe eine Verzinsung von sechs Prozent, im zweiten Jahr von sieben Prozent. Sie können erstmals am 1. April 1976 zurückgegeben werden. Wer deshalb an einen Wiederanstieg der Zinsen glaubt, sollte Bundesschatzbriefe als Übergangsanlage ins Auge fassen. In zwei Jahren lohnt es sich unter Umständen, in börsengängige Rentenwerte umzusteigen.

Wenn wir unterstellen, meine verehrten Leser, daß die Zinssenkung in die letzte Runde geht, ergeben sich auch noch andere Überlegungen. Ich meine, daß es nicht mehr viel bringt, Baupläne zurückzustellen, namentlich wenn es sich um Eigenheime handelt. Die Effektivverzinsung neuer Hypothekendarlehen, die vor einem Jahr noch mehr als zwölf Prozent betrug, ist heute auf unter zehn Prozent gesunken. Von den Realkreditinstituten werden gegenwärtig bei Hypothekendarlehen zwei Variationen angeboten: 8 1/2 Prozent, Auszahlung 93 1/2 Prozent, Laufzeit 10 Jahre oder 8 1/2 Prozent, Auszahlung, 97 Prozent, Laufzeit 5 Jahre. Das heißt: Nach Ende der Laufzeit muß über die Konditionen neu verhandelt werden. Bei den Sparkassen sind die Konditionen etwas anders. Bei ihnen ist jedoch zu berücksichtigen, daß sie mit einem variablen Hypothekenzinssatz arbeiten, der sich der jeweiligen Zinsentwicklung anpaßt.