Eineinhalb Jahre nach dem Militärputsch ist die chilenische Junta der wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch nicht Herr geworden. Ganz im Gegenteil: Die Zahlen der ersten drei Monate dieses Jahres prophezeien eine Katastrophe.

General Augusto Pinochet, Chef der chilenischen Junta, zog die Notbremse. Auf seinen Wunsch traten die 16 Minister in der vorigen Woche geschlossen zurück, damit ein Krisenkabinett gebildet werden kann, in dem ein "Superminister" für Wirtschaft und Finanzen freie Hand bekommen soll. Pinochet hat bereits "harte Zeiten" vorhergesagt; wie hart sie für die Mehrheit der Bevölkerung werden, läßt sich mit statistischen Angaben allein nicht verdeutlichen.

  • Die Inflationsrate betrug 1973 rund 500 Prozent, 1974 etwas über 370 Prozent und wird in diesem Jahr nur wenig darunter liegen. Von Januar bis März erreichte sie bereits 61 Prozent; im gleichen Zeitraum gab die Zentralbank bereits 70 Prozent derjenigen Summe in Umlauf, die sie laut Planung bis Ende 1975 emittieren darf. Die Zahlen lassen nicht erkennen, daß sich einzelne, lebenswichtige Konsumgüter überproportional verteuern; die Normalfamilie muß mit Inflationsraten um 750 Prozent rechnen, wobei die Durchschnittslöhne um knapp 330 Prozent steigen sollen.
  • Die Arbeitslosigkeit hat nach offiziellen Angaben rund zehn, nach verläßlichen Schätzungen des Auslandes etwa 15 Prozent erreicht. Da jeder fünfte Angestellte des aufgebläh:en Staatsapparates entlassen werden soll, neue Arbeitsplätze aber nicht entstellen, wird sich dieses Problem noch zuspitzen.
  • Der Kupferpreis ist auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren gefallen; da Kupfer drei Viertel der Exporterlöse einbringt, ergibt sich 1975 ein Zahlungsbilanzdefizit von rund 800 Millionen Dollar. Verteuerung wichtiger Importe – Kaffee, Getreide, Speiseöl und -fette, Düngemittel – sind unvermeidlich.

Gestiegen ist die Agrarproduktion (durchschnittlich um 40 Prozent) nach der Freigabe der Preise, die sofort emporschnellten. Die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion entspricht allerdings nicht dem Absinken der Lebensmittelimporte: Viele Chilenen müssen am Essen sparen. Inzwischen schlägt sich die Junta mit der ansteigenden Kriminalität herum, die in ihren Formen an Deutschland 1945/46 erinnert: Stehlen, um zu überleben.

Verhängnisvoll ist das Stagnieren industrieller Investitionen; Ausländer wie Inländer halten sich zurück, obwohl die Junta die ohnehin geschrumpften Auslandskredite dazu benutzt, enteignete Konzerne zu entschädigen und das Investitionsklima zu verbessern, Nachdem die Umschuldungsverhandlungen am Widerspruch westeuropäischer Gläubiger gescheitert sind, kann die Junta auch nicht auf eine neue Finanzspritze setzen. Denn eine der Voraussetzungen für Auslandshilfe – Garantie der Menschenrechte – will die Junta nicht erfüllen.

Dagegen erfüllt sie sich einen Herzenswunsch und schafft moderne Waffen an. 120 Millionen Dollar sollen 1975 für diesen Zweck ausgegeben werden: mehr als für Bildung und Gesundheit, über zehn Prozent der erwarteten Deviseneinnahmen. Nicht gespart wird auch am Ausbau der Sicherheitsorgane: rund 40 Millionen Dollar.

Kritik duldet die Junta nicht: Von den 45 000 Verhaftungen des Vorjahres waren etwa 25 000 "politisch" motiviert. Unterdes verbünden sich die bürgerlichen Politiker, einst Pinochet-Jubler, mit den überlebenden Allende-Anhängern.

Horst Bieber