Die Hildesheimer, so hieß es im Juni vorigen Jahres, könnten nicht einmal zählen. Jetzt stellte sich heraus: sie können auch nicht schreiben. Vor einem Jahr verfälschten Rechenfehler die Abstimmungsergebnisse der Kommunal- und Landtagswahl – jetzt verschickte die Stadt für die Wiederholungswahl zum Hildesheimer Stadtrat falsch ausgedruckte Briefwahlzettel: Die DKP war als KPD ausgedruckt.

Die jüngste Großstadt der Bundesrepublik hatte ein Jahr lang ihren Bürgern eine politische Horror-Show vorgeführt, der bestenfalls Variete-Freunde applaudieren konnten: Jonglieren, Bluffen und Fintieren war Trumpf. Der Vorhang der Kleinkunst-Bühne Hildesheim öffnete sich am 9. Juni 1974. Nach der Kommunalwahl ergab die Stimmenauszählung eine Mehrheit von einem Mandat für die SPD/FDP-Koalition. Die Stimmenzahl, die auf die einzelnen Parteien gefallen war, konnte jedoch nur in Näherungswerten ausgedrückt werden: etwa 32 000 für die Zielgemeinschaft von SPD und FDP, rund 31 000 für die CDU.

Bei den Wahlen hatten die Hildesheimer sich in den Mechanismen dieses gesetzlich festgelegten Vorgangs verheddert: In einem Wahllokal gab es falsche Stimmzettel, in einem ganzen Stimmbezirk lösten sich die für ungültig erklärten Zettel in nichts auf. Schließlich ordnete der damalige CDU-Oberstadtdirektor eine erneute Auszählung durch Bedienstete der Stadt an. Nach dem Kommunalwahlgesetz steht jedoch eine derartige Kontrolle nur dem neugewählten Rat der Stadt zu.

Bei dieser Nachprüfung verlor die FDP nun einige Stimmen, die CDU erhob Anspruch auf eines von drei FDP-Mandaten. Die SPD vermutete, einige Stimmzettel seien erneut verschwunden. Die Sozialdemokraten schlugen daher eine Neuwahl im ganzen Stadtgebiet vor. Alle Ratsmitglieder sollten ihre Mandate niederlegen. Die CDU hingegen wollte lieber erneut zählen lassen. Im August bestätigte die SPD/FDP-Ratsmehrheit schließlich das Juni-Wahlergebnis. Lediglich in sechs Stimmbezirken, in denen die Kontrollzählung auf Fragwürdiges stieß, sollten die Wähler erneut an die Urnen gehen.

Doch die Hildesheimer wollten da nicht mitmachen. Sie hatten sich nach dem gesetzlich nicht abgesicherten Nachzählergebnis die Ratsmehrheit ausgerechnet und eine Klage beim Verwaltungsgericht eingebracht. Am 23. Dezember jedoch zog die CDU ihre Anfechtungsklage plötzlich zurück. Ein Zeichen für den Beginn ernsthafter politischer Arbeit? Wohl kaum. Sichtbar wurde jetzt der abgegriffene Zylindertrick mit dem Kaninchen. Der Hintergedanke: Nach dem Kommunalwahlgesetz müssen Teilwiederholungswahlen innerhalb eines halben Jahres nach der Erstwahl stattfinden. Verstreicht dieser Termin, kommt es zu Gesamtneuwahlen nach weiteren vier Monaten.

Die Rechnung der christdemokratischen Zauberer ging auf. Blockiert durch die CDU-Klage verstrich der 9. Dezember 1974 als letzter Termin für die Teilwahl. Die Gesamtwahl mußte nun kommen; sie sollte der CDU die absolute Mehrheit im Rat der katholisch-geprägten Bischofsstadt bringen. Am Dreikönigstag jedoch kam das Programm der Christdemokraten auf der Hildesheimer Bühne durcheinander. CDU-Oberstadtdirektor Siegfried Kampf starb plötzlich. Ein Hildesheimer Richter zitierte den Ausspruch eines CDU-Politikers: „Nun hat sich das Manöver doch nicht gelohnt. Wir haben keinen Kontakt zum lieben Gott. Er hat Kampf zu früh zu sich genommen.“

Der Regierungspräsident setzte den Wahltermin auf den 13. April fest. Seiner Auffassung nach war der damalige Rat bis zu diesem Termin beschlußfähig. SPD und Freie Demokraten wählten Ende Januar einen Sozialdemokraten zum neuen Stadtdirektor. Ein Versuch der CDU, die Wahl durch gerichtliche Verfügung zu stoppen, schlug fehl. Seine Ernennungsurkunde aber durfte Stadtdirektor Michael Schöne nicht in Empfang nehmen, so befanden die Verwaltungsrichter. Die Bürger haben diesen Hickhack im Parlament und vor Gericht geduldig hingenommen. Auf den Rabatz im Rathaus reagierten sie indes mit einer beschämend geringen Wahlbeteiligung am Vorigen Sonntag. Die CDU holte sich mit 25 Sitzen die Mehrheit im Rathaus. SPD und FDP beklagen jetzt die Härte der Oppositionsbänke.

Der Vorhang aber schließt sich dennoch nicht bei diesem Provinztheater. Er klemmt. Schon am Montag danach wurde das Wahlergebnis angefochten: Die Deutsche Kommunistische Partei reklamierte ihre Gleichsetzung mit der KPD. Wird der Einspruch akzeptiert, müssen zumindest in drei der acht Wahlbezirke die Urnen ein drittes Mal aufgestellt werden. Joachim Holtz