Schätzungsweise sechs Millionen Menschen lasen die Busaufschriften in Los Angeles: „Unterstützt die Landarbeiter. Kauft keinen Salat und keine Trauben, solange sie nicht das UFW-Zeichen tragen.“ Dieses Markenzeichen der amerikanischen Landarbeiterbewegung UFW (United Farm Workers), ein schwarzer Aztekenadler, steht heute längst stellvertretend für die einzige Gruppe, die in den USA noch immer unter keiner Gesetzgebung eingeschlossen ist: Betroffen sind etwa drei Millionen Landarbeiter, Saisonerntehelfer, die mit der Ernte von Süden nach Norden ziehen, nicht selten 4000 Kilometer in einer Saison. Die meisten dieser Campesinos (spanisch: Landarbeiter) sind „Chicanos“, US-Bürger mexikanischer Abstammung; sie stehen, so ein Betroffener, „sozial noch unter den Negern und den Indianern“.

Fast 40 Jahre nach Erlaß der ersten umfassenden Arbeitsgesetzgebung vom Washingtoner Kongreß haben Amerikas Landarbeiter immer noch keine Rechte. Kein Arbeitgeber ist gezwungen, eine Landarbeitergewerkschaft als Tarifpartner anzuerkennen. Es gibt keine Arbeitslosenversicherung, keinen Kündigungsschutz, keine gesetzliche Krankenversicherung, kein Krankengeld, keine bezahlten Feiertage, keine Urlaubsregelung, keine Überstundenvergütung, keinen Mindestlohn und so gut wie keine Wohlfahrtsunterstützung.

Zudem liegt das Einkommen von drei Vierteln aller Landarbeiter weit unter der von der Bundesregierung festgelegten Armutsgrenze von 2885 Dollar pro Jahr für eine vierköpfige Familie – das ergab eine Studie der Universität von Denver 1971. Um überleben zu können, müssen auch die Kinder mitarbeiten. Deshalb ist jeder vierte in der Landwirtschaft Beschäftigte ein Kind unter 16 Jahren – schätzungsweise 800 000.

Bei solchen Bedingungen liegt die Lebenserwartung der Landarbeiter bei 49 Jahren, der sonstige US-Durchschnitt beträgt 71,2 Jahre. Die Kinder- wie die Müttersterblichkeit liegt 125 Prozent über dem Durchschnitt. Nach einer Untersuchung der kalifornischen Gesundheitsbehörde von 1970 zeigten 150 von tausend Campesinos Symptome von Vergiftungen durch chemische Pflanzenschutzmittel. Die Salud Medical Clinic in Tulare County stellte gleich bei 80 Prozent von 774 Untersuchten Vergiftungserscheinungen fest. Der Arbeiter Ismael Gonzales beeidete vor Gericht: „Manchmal mußten wir unmittelbar hinter einem Spritzwagen arbeiten, der giftige Pflanzenschutzmittel versprühte.“

Bei den Unterkünften für Campesinos, die häufig mit Stacheldraht eingezäunt und von der privaten Polizei der Pflanzer bewacht werden, sieht es nicht anders aus: Fast 20 Prozent der Behausungen haben keine Elektrizität, 90 Prozent keinen Abfluß, 96 Prozent kein WC. Noch 1972 schrieb eine Kommission von 14 Senatoren an den damaligen Präsidenten Nixon: „Die Hälfte aller Landarbeiterunterkünfte ist so unzulänglich, daß sie eigentlich abgerissen werden müßte.“

Der Mann, dem es 1970 erstmalig gelungen war, das Agribusiness zu dreijährigen Verträgen und zur Anerkennung der von ihm gegründeten United-Farm-Workers-Gewerkschaft (UFW) zu zwingen, ist selbst Chicano: Cesar Chavez, 47 Jahre alt, Vater von sieben Kindern, Gandhi-Anhänger, Martin-Luther-King-Friedenspreisträger, mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Schon als Zehnjähriger hatte er in den Feldern arbeiten müssen, um seiner Familie zu helfen, hatte später über zehn Jahre bei dem fast schon legendären (weißen) Organisator Saul Alinsky in einer „Community Service Organization“ (CSO) versucht, die Lebensbedingungen der Mexiko-Amerikaner zu verbessern, hatte sich 1962 von der CSO getrennt, um „von der Basis her“ seine eigenen Landsleute zu organisieren, denn die CSO hielt eine Landarbeiterbewegung für aussichtslos.

Wie King baute Chavez auf die Gewaltfreiheit; Unterstützung erhielt er bald von allen Seiten: Kirchen, Gewerkschaften, Politikern, Pazifisten- und Studentenorganisationen und vielen tausend freiwilligen Helfern gelang es, einen Verbraucherboykott zu organisieren, der den Umsatz von Streikbrechertrauben um 30 Prozent zurückgehen ließ. Supermarktketten, Restaurants und Fluggesellschaften gaben den Argumenten der Chavez-Anhänger nach: „Wer von Streikbrechern geerntete Trauben kauft, muß wissen, daß er damit Armut und Ungerechtigkeit unterstützt.“ Doch erst als auch europäische Dockarbeiter in England, Schweden und Finnland ein Löschen der kalifornischen Streikbrecher-Trauben verweigerten, erhielt die UFW Verträge, die für drei Jahre den Campesinos sozialere Bedingungen zusicherten: Die Löhne wurden angepaßt, Kinderarbeit verboten, Kündigungsschutz, bezahlte Feiertage, Gesundheits- und Altersversorgung zugesichert.