DIE ZEIT

Noch ist Amerika nicht bankrott

Vietnam ist nicht die Welt“ – die Überschrift des Londoner Economist klingt harsch und herzlos. Sie drückt aber nichts anderes aus als eine realistische Einsicht: Die Hinnahme des Scheiterns in Indochina kann nicht gleichgesetzt werden mit einer Zurückweisung jeglicher weltpolitischer Verantwortung durch die Amerikaner.

Ende der Wende

Die Unionsparteien mögen sich noch so sehr dagegen sträuben: Die Wende ist zu Ende. – Zum erstenmal seit den Wahlen in Hamburg hat die sozial-liberale Koalition nicht verloren, sondern sogar über zwei Punkte hinzugewonnen.

Nemesis der Medizin

Unser Gesundheitssystem ist jahrzehntelang als eines der besten der Welt gepriesen, worden: Heute gerät es aus zwei Richtungen unter Beschuß.

Recht gesichert

Wenn am 21. Mai in Stuttgart der Prozeß gegen den Kern der Baader-Meinhof-Gruppe beginnt, können sich Ankläger und Richter auf sichere Verfahrensgrundlagen stützen: Das Bundesverfassungsgericht hat die Anfang des Jahres in Kraft getretenen Änderungen der Strafprozeßordnung gutgeheißen, mit denen Prozeß Verschleppung und Durchstecherei bei der Verteidigung eines Angeklagten durch mehrere Rechtsanwälte und mehrerer Angeklagter durch einen Anwalt verhindert werden sollen.

Gescheitert

Neun Tage hat es gedauert, ehe Ölproduzenten, Ölverbraucher und Entwicklungsländer auf der Pariser Vorkonferenz erkannten, daß sie sich auf eine Tagesordnung für eine Energiekonferenz nicht einigen konnten.

Zeitspiegel

Die Sowjetunion bemüht sich um Ölbohrrechte in den Gewässern vor Spitzbergen – sehr zum Verdruß der Nato, die das heikle Thema mit größter Diskretion behandelt.

Worte der Woche

„Der Präsident und sein Außenminister können nicht fortwährend die Wiegenlieder der Entspannung singen und dann erwarten, daß Volk und Kongreß eine starke Verteidigung, verbunden mit der Verteidigung der Freiheit, unterstützen.

Entspannung und Nachentspannung: „Des Kaisers neue Kleider“

Die ganze Entspannung ist eine herbeigeredete Fiktion!“ meinte ein deutscher Gesprächspartner ärgerlich. „Wo gibt es denn Entspannung: In Vietnam und Kambodscha? Im Nahen Osten? In Portugal? Eure Entspannung ist wie des Kaisers neue Kleider: Ein paar Nutznießer loben es, die Dummen plappern nach.

Saigon ist jetzt auf alles gefaßt

Keine zehn Minuten später hatten sich die Journalisten vor der Absperrung des Palastes versammelt. Von dort aus waren Spuren des Bombardements nicht zu erkennen.

Wolfgang Ebert: Der weinende Riese

„Also angefangen hat es damit, daß ein paar Landsleute von mir an einem Haus vorbeigingen, in dem offenbar ein böser Mieterstreit stattfand.

Demokratie im Test

Das geplante Kraftwerk Wyhl am Oberrhein hat Gegner und Befürworter einer neuen Energiepolitik auf den Plan gerufen. Insofern hat Wyhl tatsächlich Modellcharakter für andere Vorhaben in der Bundesrepublik.

Für alle Ewigkeit?

Die Sprache der Juristen hat ein Wort für das Unabänderliche. Es heißt Rechtskraft. Wenn ein Gerichtsurteil am Ende des steinigen Weges durch die Instanzen „rechtskräftig“ wird, kann niemand es mehr anfechten, mag es auch falsch sein.

Dritte Welt im Visier

Die Begeisterung ließ auf sich warten. Als Frankreichs Staatspräsident Valery Giscard d’Estaing in Algier ankam, war die Aufnahme herzlich, aber gedämpft.

"Harte Zeiten" für die Chilenen

Eineinhalb Jahre nach dem Militärputsch ist die chilenische Junta der wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch nicht Herr geworden.

OAU setzt auf Kampf

Die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) ist bereit, weiter mit Südafrika über die Rhodesien-Frage zu verhandeln. Andere Verhandlungen schließen die 41 Staaten dagegen aus: Sie plädieren für Gewalt gegen Südafrika.

Koalitions-Hoffnungen

Freude und Enttäuschung über das Wahlergebnis in Schleswig-Holstein hielten nicht lange vor. Einige Sozialdemokraten hätten schon am Montag, wäre es ihnen nur möglich gewesen, die Schwalben überschwenglicher Hoffnung am liebsten wieder zurückgerufen, die manche ihrer Genossen, voran Heinz Kühn, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hatten fliegen lassen.

Die Medizin macht uns krank

ZEIT: Die Deutschen sind auf Ihr Gesundheitssystem nie so stolz gewesen wie die Engländer auf ihren berühmten Health Service.

Fast wie schwarze Magie

Illich: Ein grundlegender Schritt zur Hybris der Medizin liegt in dem Widerstand, den wir in einer Diskussion, selbst wie dieser hier, finden, das Problem in seine Einzelbestandteile aufzudröseln.

Anspruchsvolle Patienten

Zum anderen empfehlen wir Zurückhaltung bei Kuren. Denn den Wert und Nutzen von Kuren kann man bezweifeln. Zudem müßten eigentlich die Krankenkassen der Gegenpart der Ärzte, der pharmazeutischen Industrie und der Krankenhäuser sein, wenn es um die Festsetzung der Preise geht.

Kuren, absoluter Unsinn

Bräutigam: Eine Art Naderismus nach dem Vorbild von Ralph Nader scheint mir wahnsinnig gefährlich. Es ist viel leichter, fehlerhafte Stoßdämpfer in einem Auto einzuklagen, als eine, nach Meinung des Kranken, fehlerhaft durchgeführte Operation.

Mit dem Schmerz leben

Illich: Nein, Sie müssen nicht Kopfschmerzen haben. Sie können ein Aspirin nehmen. Ich spreche nicht gegen das Aspirin. Ich deute nur darauf hin, daß in dem Augenblick, in dem man überhaupt kein Unwohlsein mehr ertragen kann, man entweder tot oder eine lobotomierte Katze ist.

Wagners Juden

Der Antisemitismus – richtiger: die Judenfeindschaft, da auch die Araber Semiten sind – hat neben seinen religiösen und wirtschaftlichen vor allem auch psychologische Ursachen: den Neid, die Mißgunst, den Haß aus privater Enttäuschung.

Mit Terror zur Macht

Robert Thevoz/Hans Branig/Cécile Lowenthal-Hensel: „Pommern 1934/35 im Spiegel von Gestapo-Lageberichten und Sachakten“, in: Die Geheime Staatspolizei in den Preußischen Ostprovinzen 1934–1936; (Band 1, Darstellung, 336 S.

Künstlers Werk und Kanzlers Wort

Im Museum am Ostwall in Dortmund (und an einigen anderen Plätzen in der Stadt) sind zur Zeit (und bis zum 25. Mai) 434 Kunstwerke von 253 deutschen Künstlern zu sehen und zu erleben: 23.

Schallplatte

Ludwig van Beethoven: „Streichquartette op. 127, 131, 132, 135“. Aufnahmen aus den Jahren 1935–37, Dokumente eines Interpretationsstils, den man hochexpressiv nennen möchte, aber auch grüblerisch, forschend, in die Tiefe lotend, zelebrierend.

Nicht die Finger verbrannt

Der Wissenschaftsrat versucht sich – wieder einmal – als Pionier der Wissenschaftspolitik. Seine jüngsten „Empfehlungen zu Organisation, Planung und Förderung der Forschung“ beschäftigen sich mit einer Materie, die bisher weitgehend unerforscht blieb: Forschung scheint sich nicht gerne selbst ins Visier zu nehmen.

Zeitmosaik

Heinrich Böll ist mein Freund schon seit vielen Jahren. Als erster im Westen hat mir Heinrich Böll ein Dach angeboten, und wir stehen in ständigem Briefwechsel.

Schöne Erregung

Wenn sie auf das Podium marschieren, dabei jeweils hübsch einen Abstand zwischen sich lassen, die Instrumente ein bißchen wie Fetische vor sich tragen, den Blick konsequent auf die wenigen Meter Bühnenboden vor sich richten, vor der ersten Verbeugung durch das Publikum hindurchgucken, sich dann artig und sehr tief, aber doch mit Energie verneigen, rasch ihre Plätze aufsuchen und emsig die Noten ordnen, wenn sie mit kleinen Rucken noch die Stühle um Zentimeter verstellen und ein letztes Mal am Feinstimmer die E-Saite korrigieren – dann ist das alles andere als die Routine der Profis.

Dynamik im Bild

Nach endlosen und überaus komplizierten Verhandlungen ist es dem Kunstverein in Hamburg gelungen, einen prominenten Maler der DDR, den Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler und Träger höchster Auszeichnungen, den Maler Willi Sitte in der Bundesrepublik auszustellen.

Kunstkalender

Es geschieht nicht ohne dramaturgischen Plan und tiefe Bedeutung, daß die beiden Bildhauer gleichzeitig und nebeneinander ausgestellt werden.

Filmtips

„Air Force“ von Howard Hawks, der selber nicht sonderlich viel von diesem in Deutschland bislang unbekannten Kriegsfilm von 1943 hält.

Kritik in Kürze

Umberto Silva: „Kunst und Ideologie des Faschismus“. Zu empfehlen, leider, des späten Erscheinungstermins wegen, nur im Telegrammstil: Silva richtet seine Ideologiekritik präzis auf den Geistesramsch, mit dem ein Teil der italienischen Bourgeoisie erst und der Mussolini-Faschismus später ihre Herrschaftsinteressen ausgestattet hat.

Wie aus der Pistole geschossen

Vor vier Jahren startete der Berliner Oberbaum-Verlag die „Reihe proletarisch-revolutionärer Romane“. Das mittlerweile auf fünfzehn Bände angewachsene Unternehmen enthält neben den deutschen Klassikern kommunistisch-antifaschistischer Kampfliteratur aus der Weimarer Zeit auch aktuelle Darstellungen vom Widerstand-gegen den Imperialismus, etwa den zuletzt erschienenen Band „Kämpfendes Saigon“ mit Kurzgeschichten und Reportagen aus Südvietnam, und schließlich auch dickleibige Romane aus den Aufbaujahren der sowjetischen und chinesischen Volksrepubliken.

Rechenschaft

Im Titel sich an einen literaturwissenschaftlichen Bestseller von Hans-Robert Jauss anlehnend, faßt der Kölner Germanist Karl Otto Conrady eine Reihe sehr verschiedenartiger Aufsätze und Artikel zu einem Buch zusammen, das auf genaue Weise und durchaus beispielhaft in die Diskussion um den heutigen Stand der Germanistik in der Bundesrepublik einführt und zugleich, einen wesentlichen Beitrag zu dieser Diskussion bedeutet.

Von ZEIT-Mitarbeitern

Jürgen Lodemann: „Anita Drögemüller und Die Ruhe an der Ruhr“, Roman. Das Ruhrgebiet als Konzentrat Westdeutschlands – das Buch versucht, daraus keinen Essay und keine Industriereportage zu man chen, sondern eine Geschichte.

Weiter in seiner Welt

Das französische Fernsehen bot eine spektakuläre Premiere: Alexander Solschenizyn stellte sich zum erstenmal vor der Kamera den Fragen von Journalisten und Schriftstellerkollegen.

Die geplatzte Wundertüte

Selbst in der Krise versteht, sich das Attraktionstheater von Rainer Werner Fassbinder noch auf Späße. Kaum hatte sich die neue Truppe 1974 im Frankfurter Theater am Turm etabliert, da war über ihre Arbeitsweise in einem Programmheft vom Dezember folgendes zu lesen: „Die Erstbesteigung auf die Gipfel progressiver Theaterarbeit, die wir in der Öffentlichkeit mit großem Tamtam angekündigt haben, ist nicht das Unternehmen von Fachleuten, die wissen, auf was sie sich einlassen, sondern sie ähnelt weitaus mehr dem Unternehmen einer Jugendgruppe, die in pubertärem Größenwahn, in Sandalen und kurzen Hosen die Eigernordwand bezwingen möchte.

Zwei Titel für ein Hallelujah

Was beim Geschäft mit der Literatur unvorstellbar ist, wird in der Filmbranche immer schlitzohriger praktiziert. Verleiher graben betagte Kinostücke aus, lassen sich einen neuen Titel einfallen und schicken die Filme wieder ins Rennen.

Kein rauschender Sieg

Wachwechsel bei der SPD in Hessen-Süd: Rudi Arndt aus Frankfurt löst Albert Osswald ab

Keine Konzessionen

Ein bißchen Pfadfindermentalität gemischt mit sozialistischen Weltjugendfestspielen.“ So urteilte vor gut einem Jahr Wilhelm Rahlfs, einer der verdrängten Hamburger Altliberalen, über die junge Garde in der Parteiführung der hanseatischen Freien Demokraten.

Nur wenig Gespür

In Mainz liegen gut zehntausend Fragebogen „unter Verschluß“. Damit sind sie vor unbefugtem Zugriff sicher. Sie waren an die Studenten der Mainzer Hochschulen verteilt worden.

Abschied vom Aktuar

Stuttgart Eine wenig bekannte schwäbische Spezialität gibt es nicht mehr: der Verwaltungsaktuar ist tot. Ein Beamtentyp, der seine Existenz dem „Verwaltungsedikt für die (Gemeinden, Oberämter und Stiftungen“ aus dem Jahr 1822 verdankte, wurde der Gemeindereform geopfert.

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