Freude und Enttäuschung über das Wahlergebnis in Schleswig-Holstein hielten nicht lange vor. Einige Sozialdemokraten hätten schon am Montag, wäre es ihnen nur möglich gewesen, die Schwalben überschwenglicher Hoffnung am liebsten wieder zurückgerufen, die manche ihrer Genossen, voran Heinz Kühn, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hatten fliegen lassen. „Um Gottes willen, gebt den, Kumpels an der Ruhr nicht das Gefühl, die Wahl sei schon entschieden“, so lautete die Parole, „sonst gehen sie nicht zur Wahl!“ Diese Versuchung ist ohnehin groß, denn der Wahltermin (4. Mai) ist für viele der Abschluß eines langen Wochenendes, das am 1. Mai, einem Donnerstag, beginnt.

In der Union lautete die Order: jetzt erst recht! Aber zugleich begann das Rechnen, und nicht Nordrhein-Westfalen, sondern das Saarland beschäftigte die Wahlarithmetiker. Dort lautete das letzte Ergebnis der Landtagswahl: CDU 47,8, SPD 40,8, FDP 4,4 Prozent. Bei einem Ergebnis nach schleswig-holsteinischem Muster könnte die CDU die Regierungsmehrheit im Saarland und damit die Mehrheit im Bundesrat verlieren.

Die Schlußfolgerung für alle Parteien ist klar: der Wahlkampf, vor allem im Saarland, wird nun noch aufwendiger geführt, als dies ohnehin geplant war. Die SPD will unter anderen den Kieler „Trendbrecher“ Klaus Matthiasen an die Saar entsenden, die FDP will Uwe Ronneburger einsetzen: Der Wahlsieger von Schleswig-Holstein soll die personell nicht übermäßig attraktive FDP im Saarland unterstützen und ihr zeigen, wie man wieder in den Landtag kommt.

In der Union ist man sich einig, daß sich die Christlichen Demokraten noch mehr als bisher anstrengen müssen. Doch die Strategie scheint umstritten. Eine Gruppe wünscht nach bayerischem Muster Konfrontation und Polarisierung; die Mehrheit um Kohl aber glaubt, daß eine solche Polarisierung, ähnlich wie bei der letzten Bundestagswahl, nur den Koalitionparteien in die Hände arbeitet. Kohl setzt noch mehr als bisher auf den „argumentativen“ Wahlkampf. Vermutlich wird das auch an der Oppositionspolitik im Bundestag deutlich werden.

Sorgen macht der CDU, daß ihre Mannschaft weder im Saarland noch in Nordrhein-Westfalen überzeugend wirkt. Im „Rudel“ Köpplers, wie die riesige Mannschaft des Düsseldorfer Oppositionsführers genannt wird, fehlen die bekannten Namen. Das landesväterliche Bild des saarländischen CDU-Ministerpräsidenten Röder bleibt blaß; er bietet der Opposition manche Angriffsfläche.

Die SPD, die jetzt mit dem Slogan „den Aufschwung wählen“ in den Wahlkampf zieht, muß darum bangen, daß die optimistische Grundhaltung der Wähler, die stimmungsmäßig den wirtschaftlichen Aufschwung schon vorweggenommen hat, bis zum 4. Mai anhält – trotz der Entlassungen bei VW, trotz bisher kärglicher Indizien für eine Belebung der Konjunktur.

* Zu den vielen politischen Problemen, die bis nach dem 4. Mai vertagt sind, gehört auch die Verbesserung des deutschpolnischen Verhältnisses. Schmidt und Genscher haben sich jetzt über die Strategie geeinigt. Dabei werden wohl Bonn und Warschau in ihren Erwartungen zurückstecken müssen. Zum deutschen Angebot gehört nach wie vor der Ein-Milliarden-Kredit, der nicht aus der Bundeskasse entnommen, sondern in einem komplazierten Verfahren aufgebracht werdensoll. Daß in der Ostpolitik die Signale von Rot auf Gelb wechseln, zeigt sich übrigens noch auf andere Weise: Auf die Frage, ob ein deutsch-deutsches Gipfeltreffen möglich sei, wird in Bonn nicht mehr geantwortet, das Verhältnis zur DDR sei schwer belastet. Jetzt heißt es, ein solches Treffen werde gegenwärtig nicht erwogen.