Von Petra Kipphoff

Im Museum am Ostwall in Dortmund (und an einigen anderen Plätzen in der Stadt) sind zur Zeit (und bis zum 25. Mai) 434 Kunstwerke von 253 deutschen Künstlern zu sehen und zu erleben: 23. Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbunds heißt dieses Insgesamt von Bildern, Zeichnungen, Plastiken, Objekten und Aktionen. Mit anderen Worten: in Dortmund ist zur Zeit der Zustand deutscher Gegenwartskunst zu sehen.

Daß das so ist und auch wieder nicht so ist, würden die, die in Dortmund nicht dabei sind, doch festgestellt wissen wollen, und geben die, die in Dortmund dabei sind, wohl zu. Wer allerdings meint, daß diese bekannt gegenläufigen Ansichten eine kontroverse Atmosphäre schaffen und die alljährliche Künstlerbundausstellung ein alljährlich heißes Eisen ist, der hat sich auch wieder geirrt.

In diesem Jahr allerdings war, und das ist doch eigentlich eine der documenta vorbehaltene Usance, die Künstlerbundausstellung schon vor ihrer Eröffnung in aller Munde, und bei der Eröffnung herrschte ein endloses Gedränge. Das allerdings hing nicht mit der deutschen Kunst im allgemeinen, sondern mit dem kostbarsten Ausstellungsstück der ersten Stunde ganz besonders zusammen: Helmut Schmidt war gekommen, um die Eröffnungsrede zu halten.

Als der Deutsche Künstlerbund gegründet wurde, 1903 in Weimar, da begriff er sich als eine Art Widerstandsgruppe gegen die reaktionäre Kunstpolitik der Reichsregierung und des Kaisers. Eine Gruppe progressiver Künstler um Leopold von Kalckreuth, Harry Graf Kessler, Max Klinger, Walter Leistikow, Max Liebermann, Franz von Stuck und Fritz Uhde hatte sich Statuten verschrieben, in denen es hieß: "Der Deutsche Künstlerbund soll der deutschen Kultur ein Arm und nötigenfalls eine Faust werden, die die Eigenart der Kunst schützt und deren Geltung durchsetzt."

Das waren noch widerstandsfrohe Zeiten. Es folgten, während zweier Weltkriege, Zeiten, in denen der Widerstand der Kunst erst ignoriert, dann gebrochen wurde: Um so mehr waren dann nach 1945 die Künstlerbundausstellungen eine erste große Möglichkeit der Wiederfindung und Selbstdarstellung der geschundenen Kunst. Aber schon 1966 schrieb Albert Schulze-Vellinghausen im Katalog zur Essener Ausstellung, daß der Künstlerbund in der Gefahr stehe, "als Verein von Veteranen und Akademieprofessoren zu vergammeln", und daß er sich "durch Werke der Jungen zu erneuern habe".

Von der biologischen Vergreisung nun scheint der Künstlerbund zur Zeit nicht akut bedroht: Die Statistik der diesjährigen Ausstellung zeigt, daß 16 Prozent der ausstellenden Mitglieder weniger als 25 Jahre, 57 Prozent zwischen 25 und 50 Jahre und 27 Prozent über 50 Jahre alt sind. Und die Statistik zeigt auch, daß der Deutsche Künstlerbund kein elitärer Club ist: lieben 141 Mitgliedern (die Mitgliedschaft wird einem Künstler angetragen, wenn er dreimal ausgestellt hat) hat man 113 Gäste zugelassen (von denen 61 Prozent unter 25 sind). Mit dem seit 1973 vierteljährlich erscheinenden "Kunstreport" stellt sich der Künstlerbund inzwischen auch verbal der Öffentlichkeit und hat, oft allerdings auch mit Ausrutschern in vereinsmeierliche Selbstzerfleischung, bewiesen, daß er die Diskussion nicht meidet, sondern sucht.