Hagen: „Eva Aeppli – Jürgen Brodwolf“.

Es geschieht nicht ohne dramaturgischen Plan und tiefe Bedeutung, daß die beiden Bildhauer gleichzeitig und nebeneinander ausgestellt werden. Was sie trotz stilistischer und technisch manueller Divergenzen verbindet, ist eine ikonographische Klammer, ist das Memento-mori und Vanitas-Motiv. Brodwolf betätigt sich als Ausgräber und spurensichernder Archäologe, der mumifizierte, bandagierte Grabfiguren freilegt. Modell und Material seiner „Tubenfigur“ ist die halb zerquetschte Farbtube, die sich beliebig verformen und als Symbolfigur für archaische Grabesriten zubereiten läßt. Die lädierten Minifiguren sind in Mumienschreinen untergebracht oder auf Holzplanken befestigt, wo sie das „Weberschiffchen“ oder den-Todesnachen assoziieren. – Von Eva Aeppli sieht man Einzelfiguren und Figurengruppen aus den letzten zehn Jahren, darunter die berühmte „Gruppe mit dreizehn Figuren – La Table“ aus dem Moderna Museet in Stockholm. Ihre Arbeiten gehören zum Eindrucksvollsten, was die europäische Kunstszene an realistischer oder quasirealistischer Figuration aufzuweisen hat, sie sind ein Gegenentwurf zu den amerikanischen Realisten. Die Figuren von Duane Hanson etwa schockieren den Betrachter, weil sie Leben vortäuschen. Die Aeppli dagegen verzichtet auf jeden Illusionseffekt, ihre Figuren stehen oder sitzen als Rudimente einer abgelebten Existenz im realen Raum, lebensgroß und maskenhaft. (Karl Ernst Osthaus Museum bis zum 11. Mai.) Gottfried Sello.

Hannover: „Verschollener Ruhm“

Es ist gewiß kein aufregend neuer Einfall, ins Depot eines Museums hinabzusteigen und die hier abgestellten, beigesetzten Bilder heraufzuholen und einer erstaunten Öffentlichkeit vorzuführen. Aber das Ergebnis ist rundum sehenswert: eine der interessantesten (und notabene eine der billigsten) Ausstellungen, die im Kunstverein Hannover und in anderen deutschen Kunstvereinen seit geraumer Zeit zu besichtigen waren. Das liegt einerseits an der Landesgalerie Hannover, deren deponierte Sammlung den offiziellen Kunstgeschmack des 19. Jahrhunderts mit signifikanten Bildern und Namen dokumentiert: Andreas Achenbach, Piloty, Friedrich Kaulbach (dessen „Entdeckung“ unmittelbar bevorstehen dürfte), mit Lenbach und Anton von Werner („Kaiser Wilhelm I. auf dem Sterbebett“, ein keineswegs theatralischer, eher sachlich nüchterner Bildbericht). Das liegt auch und vor allem an der einleuchtenden Art und Methode, wie die Bilder in Hannover von Helmut Leppien präsentiert und durch thematische Gruppierung, durch kommentierende Texte und Schautafeln auch für ahnungslose Besucher einigermaßen verständlich und genießbar gemacht werden. Diese offizielle Kunst des 19. Jahrhunderts, die Malerei der Akademien und des „Salon imaginaire“ wird nicht als Lach- und Gruselkabinett denunziert, sie wird als historisches Faktum ernstgenommen. Sie bedeutet ein notwendiges Korrektiv an heute gängigen Vorstellungen,von der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts, die keineswegs nur die kultivierte Idylle ist, als die sie kürzlich gerade wieder im Frankfurter Städel vorgeführt wurde. (Kunstverein Hannover bis zum 19. Mai, Katalog 6 Mark)

Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen

Bielefeld: „J. C. Schlaun – Baukunst des Barock“ (Kunsthalle bis zum 11. Mai, Katalog 12 Mark)