Bräutigam: Eine Art Naderismus nach dem Vorbild von Ralph Nader scheint mir wahnsinnig gefährlich. Es ist viel leichter, fehlerhafte Stoßdämpfer in einem Auto einzuklagen, als eine, nach Meinung des Kranken, fehlerhaft durchgeführte Operation. Ein Patientenschutzbund würde bestenfalls die Ärzte dazu führen, ihr Handwerk zwar sicher zu gestalten im Hinblick auf ihre eigene juristische Sicherheit und um mögliche Regreßansprüche abzuwenden, nicht aber sicher im Hinblick auf die Heilung.

Schäfer: Der Arzt scheint mir ja doch in einem erstaunlichen Ausmaß uneinsichtig hinsichtlich der Realitäten seiner Berufsausübung. Der Arzt hat keine Kontrolle seiner Therapie. Er glaubt selbst zuviel an seine Therapie. Dies könnte man beseitigen, wenn man die Ärzte besser an ihre Rolle adaptieren würde. Das ist ein Lernprozeß, der sicherlich nicht von heute auf morgen geht.

Die Patienten haben aber auch ihr Schuldkonto. Die Entwicklung der Medizin verändert die Ansprüche, die von den Patienten durchgesetzt werden, wobei die Presse als Motor nicht zu übersehen ist, und zwar gerade eine gewisse Boulevardpresse, denn hier entsteht ein ganz verhängnisvoller Rückkoppelungskreis. Schließlich hat der Patient keine Kontrolle seiner Ansprüche und Forderungen, das heißt, er wird völlig informationslos gelassen. Er weiß beispielsweise auch nichts über die Kosten der Behandlung, die er erduldet.

Die Wissenschaft hat uns im Stich gelassen. Sie hat die Effektivitätskontrollen nicht durchgeführt, und sie hat die Kontrollen der Nebenwirkungen jedenfalls nicht in einem befriedigenden Umfang durchgeführt.

Nun gibt es ein ganzes Sündenregister der öffentlichen Maßnahmen. Da sind die Kuren. Sie sind ein absoluter Unsinn. Ja, wenn die Kuren umfunktioniert werden können zu Instrumenten der Gesundheitserziehung. Aber auch hier ist im Grunde genommen nichts wirklich Entscheidendes getan worden. Krankheit als Verhaltensfolge ist jedenfalls dem Patienten nicht deutlich. Und hier wäre ja der einzige Ansatz für eine präventive Medizin, der wirklich durchgreifend ist, indem man nämlich die Risikofaktoren, die letzten Endes beim Patienten entstehen, durch die Beeinflussung derjenigen Mechanismen beseitigt, die diese Risikofaktoren hervorrufen; sie sind sicherlich nicht nur im privaten Leben zu finden, sondern wahrscheinlich auch in Vorbildern und Trends in der Öffentlichkeit. Die Gewerkschaften als Motor sind bis jetzt nicht nur ausgefallen, sondern wirken weithin negativ. Allerdings klingen jetzt bei ihnen erstmals gesundheitspolitische Konzepte an.

Kostensenkung durch Vermeidung diagnostischer Doppelausgaben ist eine alte Klage, die aber nicht ausgeführt wird. Jeder Klinikarzt wiederholt alles, was der einweisende Arzt schon vorgemacht hat. Die Restriktion der Diagnosen ist eine unerläßliche Forderung. Es wird viel zu viel diagnostiziert, vor allem auch dann, wenn die Diagnose keine Handlungsanweisung hergibt. Eine Diagnose darf nichts anderes sein als eine Handlungsanweisung an den Arzt.

Die Krankenhäuser sind falsch strukturiert. Es fehlen nämlich Krankenhäuser für schwere Fälle, für leichte Fälle oder für Versorgungsfälle. Schließlich sind da die sinnlosen technologischen Entwicklungen. Ich brauche nur an die Entwicklung etwa der Elektrokardiographie zu denken oder an die sinnlose Verteuerung von Apparaten, die auch nicht mehr leisten, als der kleine Apparat vorher – unglückselige Entwicklungen!