ZEIT: Kopfschmerzen müssen also ertragen werden.

Illich: Nein, Sie müssen nicht Kopfschmerzen haben. Sie können ein Aspirin nehmen. Ich spreche nicht gegen das Aspirin. Ich deute nur darauf hin, daß in dem Augenblick, in dem man überhaupt kein Unwohlsein mehr ertragen kann, man entweder tot oder eine lobotomierte Katze ist. Ich bin sehr glücklich, daß wir immer mehr technische Mittel besitzen, um unerträgliche Schmerzen auszuschalten. Ich habe immer mehr Beweise dafür gefunden, daß eine große Menge der rein physisch intensivsten Schmerzen, denen heute der Arzt begegnet, iatrogenen Ursprungs sind. Aber die traditionelle Art, in der sich der Mensch als Lebewesen entwickelt hat, um mit seinem Bewußtsein diese Umwelt unter Kontrolle zu nehmen, war auch die Fähigkeit, Schmerz zu ertragen. Die Opiate – schmerzstillende Mittel – haben praktisch in keiner Gesellschaft gefehlt. Der mehr oder weniger freie Zugang zu ihnen war aber nie so beschränkt wie in der heutigen Industriegesellschaft.

ZEIT: Sie meinen, wir sind zu nachgiebig geworden?

Illich: Nicht nur das; weil wir das Lindern des Schmerzes in einer Berufsgruppe zentralisiert haben, haben wir de facto die Fähigkeit, mit der Härte der Umwelt fertigzuwerden und zu diesem Zweck nicht nur traditionelle, sondern auch moderne Mittel einzusetzen, verringert. Wir haben in allen Gesundheitssystemen Studien über den Abfall der Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen.

ZEIT: Mit anderen Worten: Sie sind für Linderung.

Illich: Absolut. Total, und zwar für die Linderung, die eine Dezentralisation im Zugang zum Schmerzmittel und sogar zum Selbstmordmittel ermöglicht.

ZEIT: Sie sind gegen die Monopolisierung der Schmerzlinderung durch den ärztlichen Beruf.