Von Julius H. Schoeps

Vom Aufbau der Geheimen Staatspolizeistellen in Pommern über Enthüllungen der grauenhaften Zustände im „wilden“ Schutzhaftlager Bredow, von parteiinternen Auseinandersetzungen, vor allem im Zusammenhang mit dem „Röhm-Putsch“, über die Spannungen zwischen SA und Stahlhelm bis hin zu genauen Schilderungen der wirtschafts- und sozialpolitischen Entwicklung der Provinz in den Anfangsjahren des „Dritten Reiches“ spannt sich der Bogen der Publikation:

Robert Thevoz/Hans Branig/Cécile Lowenthal-Hensel: „Pommern 1934/35 im Spiegel von Gestapo-Lageberichten und Sachakten“, in: Die Geheime Staatspolizei in den Preußischen Ostprovinzen 1934–1936; (Band 1, Darstellung, 336 S.; Band 2, Quellen, 441 S.); G. Grotesche Verlagsbuchhandlung, Köln und Berlin 1974; 98,– DM.

Die beiden Bände über Pommern in den Jahren 1934/35 sind als erste zeitgeschichtliche Edition im Rahmen der Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz erschienen; Grundlage dieser Gemeinschaftsarbeit sind vor allem Lageberichte der Stapostellen aus Stettin und Köslin, die durch Sachakten und erläuternde Dokumente ergänzt werden. Geführt wurden diese Akten im Preußischen Staatsministerium, als Hermann Göring Ministerpräsident Preußens und zugleich Chef der Preußischen Geheimen Staatspolizei war. Im Frühjahr 1946 sind sie durch Mitarbeiter des Geheimen Staatsarchivs (Berlin-Dahlem) aus den Kellern des zerstörten Dienstgebäudes geborgen worden.

In der Einleitung zum Darstellungsband machen die Autoren deutlich, daß die Jahre 1934 und 1935 einen Zeitabschnitt bildeten, in dem sich Recht und Unrecht noch überschnitten. Zwar war mit der Verordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg zum „Schutz von Volk und Staat“ vom 28. ’Februar 1933 der Rechtsstaat formal aufgehoben. und mit der Einrichtung der selbständigen Geheimen Staatspolizei, deren -Maßnahmen weder von den Gerichten noch von den Verwaltungsbehörden kontrolliert werden durften, das Mittel des „permanenten Belagerungszustandes“ geschaffen worden. Aber noch zeigten sich bei den Behörden und auch bei der Partei vielfach moralische Hemmungen, diesen Unrechtszustand konsequent auszunutzen.

Beispielhaft für die Anfangsphase des NS-Unrechtsstaates ist die Geschichte des Lagers Bredow, eines sogenannten Schutzhaftlagers in der Nähe der Stettiner Vulkan-Werft. Sie wird hier erstmals ausführlich dargestellt und mit entsprechenden Dokumenten belegt. In diesem Lager kam es zu so unglaublichen Exzessen der SS-Wachmannschaft und Lagerleitung – nicht nur von erklärten Gegnern des neuen Regimes, sondern auch von SA-Leuten und anderen Nationalsozialisten, die unter offensichtlich falschen Beschuldigungen dort eingeliefert worden waren –, daß ein Vertuschen dieser Zustände nicht mehr möglich war. Hitler selber soll im Zusammenhang mit den Greueltaten im Stettiner Lager im übrigen gesagt haben, daß er nicht die Absicht habe, die Konzentrationslager in „Pensionsanstalten“ umzuwandeln. Und: „Der Terror ist das wirksamste politische Mittel.“

Daß es schließlich zu einer Untersuchung der Zustände kam, ist vor allem dem damaligen Stettiner Regierungspräsidenten Conrad Göppert zu verdanken – einem im besten Sinne preußischen Beamten, der sich dann im August 1963 auf eigenen Antrag in den einstweiligen Ruhestand versetzen ließ. Es kam damals zu einem Prozeß, an dessen Ende die Verantwortlichen hohe Strafen erhielten. Einige wurden auch im Zuge der Abrechnung mit den angeblichen Verschwörern des „Röhm-Putsches“ kurzerhand erschossen. Dem Hauptverantwortlichen allerdings, einem hohen SS-Führer, der in Stettin Polizeipräsident geworden war, konnte man auf Grund einer Intervention von Heydrich und Himmler nichts anhaben. Er wurde nur aus Stettin abgeschoben und zum Direktor der Berliner Müllabfuhr gemacht. Später, als Gras über die Sache gewachsen war, durfte er 1940 Offizier, schließlich 1943 sogar wieder SS-Sturmbannführer werden. Nach Kriegsende wurde diesem „Spezialisten für Herrenmenschentum“ vor dem Flensburger Landgericht der Prozeß gemacht. Für seine damaligen Taten erhielt er eine geringe Strafe.