Von Eduard Neumaier

Bonn, im April

Nachträglich ist einigen Beamten des Auswärtigen Amtes bei dem Gedanken ein Schreck in die Glieder gefahren; Wie, wenn im Mai 1974, als Willy Brandt zurücktrat und Helmut Schmidt sein neues Kabinett bildete, Hans Matthöfer Entwicklungshilfeminister geworden wäre? Statt dessen wurde er Chef des Forschungsministeriums, das zwar auch mit Entwicklung zu tun hat, aber nicht so viele Fettnäpfchen bereithält, die zum Hineintreten verlocken. Dennoch: Die Fallgruben der Entwicklungshilfepolitik läßt Matthöfer auch heute nicht aus, wie das Exempel Chile zeigte.

Über das Wort von der „Mörderbande“ haben etliche die Fassung verloren, und Hans-Dietrich Genscher, der Außenminister, tat etwas, was seiner sonstigen Gewohnheit und seinem Wesen völlig zuwiderläuft: Er tadelte, öffentlich einen Kabinettskollegen, zwar ohne Namensnennung, aber so eindeutig, daß jeder es verstand. Er „könnte die Interessen der Bundesrepublik nicht mehr angemessen vertreten, wenn einzelne Mitglieder der Regierung die verschiedenen Regierungen dieser Welt je nach ihrer persönlichen Auffassung so qualifizieren würden“, sagte Genscher in einem Interview. Matthöfer ist klug genug, dem Außenminister nicht zu widersprechen. Trotzdem reut ihn nicht, daß er herausgebracht hat, was ihm im Halse steckte.

Politische Temperamente wie Matthöfer zieren ein Kabinett. Sie sind Hefe im Teig, und im etwas grau getönten sozialdemokratischen Teil der Schmidt-Mannschaft bietet der rötliche Farbtupfer ein belebendes Element. Aber mehr von seiner Sorte im Kabinett würden entweder noch mehr Diplomaten nötig machen – oder alle überflüssig. Hans Matthöfer macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, wenn er sich aufregt. Und ihn hat, darauf legt er Wert, die Einmischung der chilenischen Botschaft in die innenpolitische Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition über einen Kapitalhilfekredit in Höhe von 45 Millionen Mark erregt. Aber er ist den Chilenen sicherlich nicht gram, daß sie ihm den Anlaß zur Explosion boten.

Matthöfers Stärke ist sein Engagement. Seine Schwäche ist, daß er andere daran genesen lassen will. Er gilt, seit er 1968 das Nein einer sozialdemokratischen Minderheit zur Notstandsverfassung artikulierte, als Linker. Wer zu diesem Flügel zählt, sieht Matthöfer als radikalen Platzhalter im Kabinett des Rechten Schmidt an, obgleich Zweifel bestehen, ob Matthöfer sich wirklich als linke Galionsfigur einsetzen läßt. Das Etikett, ein Linker zu sein, gesteht er selbst nur sehr wenigen zu, jedenfalls nicht Erhard Eppler, erst recht nicht Horst Ehmke. Wenn man es recht besieht, ist auch Matthöfer im landläufigen Sinne kein Linker. Deren Zirkel, Frankfurter Kreis oder Leverkusener Kreis, meidet er, seit er sich bei der ersten Teilnahme. im Frankfurter Kreis gleich wegen der Frage „Investitionslenkung“ mit Peter von Oertzen angelegt hat. Ein wahrhaftiger Linker kann nicht für Vermögensbildung sein, so meint er, er kann auch nicht bedingungslose Entwicklungshilfe geben, kann nicht Vergesellschaftung um den Preis übertriebener Bürokratie wollen. Ein richtiger Linker muß etwas von einem Liberalen haben.

Matthöfer ist ein eigener Kopf. Manche bezeichnen ihn als Querkopf, manche als borniert. Er ist einfallsreich, hört auf praxisbezogene Argumente; in einigen Grundsatzfragen ist er hartnäckig taub. Er ist zuverlässig. Sein Menschenbild mag blauäugig sein. Eine Gesellschaft mit den Tugenden, die er erwartet, um seine Vorstellung „einer gesellschaftspolitischen Gesamtbewegung, die auf den Abbau hierarchischer Herrschaftsformen und Institutionen hinzielt“, zu verwirklichen, ist nicht in Sicht. Es mag an den Umständen liegen, an den Verhältnissen, die nicht so sind, aber wenn denn Matthöfer ein Marxist ist, dann gewiß nicht, weil er seine Lektion gut gelernt hätte, sondern weil er, wie ein Parteifreund sagte, „durch eigenes Tun die Umstände ändern will“. Matthöfer ist in diesem Sinne ein Reformist, kein Revolutionär, ein Verfechter des Machbaren und Möglichen. Aber nicht alles hält er für möglich.