Wirklichkeit? Ich möchte das bezweifeln. Ich komme aus der Verwaltung. Und das hat den Vorteil und auch den Nachteil, daß man die Dinge sehr stark aufs Tatsächliche beziehen muß. Ich gehe beispielsweise vom Begriff der Krankheit aus, den wir in der Sozialversicherung, die 90 Prozent der Leute betreut, anwenden. Für uns ist krank derjenige, der sich krank fühlt. Und der hat das Recht, auf unsere Kosten zum Arzt zu gehen. Die Rechtsprechung hat den Begriff der Krankheit im Laufe der Jahrzehnte immer stärker ausgeweitet. Beispielsweise sagt das Bundessozialgericht, ärztliche Behandlung sei immer dann notwendig, und Krankheit liege immer dann vor, wenn der einzelne vom Leitbild des gesunden Menschen abweiche und wenn es sinnvoll sei, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, um Krankheit zu lindern, Beschwerden zu beheben, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Kassenärzteschaft, hat gesagt, wir sollten diesen selr weiten Begriff von Krankheit doch nach Möglichkeit nicht anwenden; er verstärke ja den Kostenauftrieb. Wir sollten lieber bei dem alten Krankheitsbegriff bleiben. Nach dem alten Krankheitsbegriff war alles auf das Notwendige beschränkt, auf das, was früher so unter Kassenmedizin lief. Noch Anfang der dreißiger Jahre wären Altersbeschwerden für uns Beschwerden, die sich als natürliche Folge einer natürlichen Entwicklung ergeben. Sie wurden nicht als Krankheit angesehen, und wir billigten dafür keine ärztliche Behandlung zu. Heute dagegen gewähren wir auch alten Leuten Behandlung, und zwar gerade den Rentnern.

Auch angeborene Leiden werden heute früher behandelt. Bis 1950 haben wir die Operation angeborener Hüftgelenksluxationen nicht bezahlt oder erst dann, wenn sie zu akuten Schmerzen führten. Dann hA das Bundessozialgericht gesagt, es ist ja Unfug, so lange zu warten, bis das Kind zwölf Jahre alt ist und wegen der Hüftgelenksluxation Schmerzen hat; lassen Sie es doch sofort in den ersten Wochen oder Monaten operieren, dann ist die Chance groß, dann ist der Schmerz gering. Macht es doch (vernünftig!

Auf diese Weise ist der Krankheitsbegriff bei uns immer mehr ausgeweitet worden, zum Teil im Widerstand gegen die Krankenkasse. Denn das kostet natürlich ein ungeheures Geld. Das zeigt sich auch in diesen Zahlen: Im ersten Jahrzehnt der Krankenversicherung, die wir seit 1883 haben, stellten wir auf 100 Versicherte pro Jahi 75 Krankenscheine aus. 1910 waren es 125 Krankenscheine, 1928 250 Krankenscheine geworden Nach 1945 stellten wir 350 Krankenscheine aus, in den Jahren von 1950 bis 1955 kamen wir auf 400 Krankenscheine. Heute stellen wir füi 100 Versicherte, im Jahr etwa 650 Krankenscheine aus. Das ist ein gigantisches Wachstuir der Zahl der Behandlungsfälle!

Zurückzuführen ist das auch darauf, daß wir die Familienangehörigen mitversichejrten und später die Rentner mit einbezogen haben Natürlich steigen auch die Ansprüche der Menschen. Sie haben eine andere Vorstellung von dem, was an ärztlicher Betreuung angemessen sei. Und wir erziehen sie ja dazu durch unsere Versichertenzeitschriften, indem wir ihnen den Gedanken der Krankheitsfrüherkennung, der Vorsorge nahebringen.

Daß dies nun — wie Herr Illich meint — für den Versicherten Abhängigkeit von der Sozialversicherung bedeutet, möchte ich entschieden bezweifeln. Was soll daran denn Abhängigkeit sein; der Versicherte entscheidet doch selbst, ob er zum Arzt geht oder nicht. Das, was uns bedrückt, ist etwas ganz anderes: nämlich daß wir den Ärzten für ihre Leistungen Beträge zu zahlen haben, die wir für zu hoch halten, und daß wir bei der Bildung der) Arzneimittelpreise überhaupt kein Mitspracherecht haben. Nach unserer Auffassung könnte das alles viel billiger sein.

diese Ausweitung und die Kostenexplosionea kommen. Wohin soll das nun eigentlich führen?Wir sitzen doch in einer Sackgasse. Es gibt da, offensichtlich zwei Teufelskreise. Der eine ist der zwischen dem Konsumenten von medizinischer Behandlung und dem Produzenten von Medikamenten und medizinischen Apparaten, der ja ein Interesse daran hat, in Massen seine Produkts herzustellen, weil das angeblich billiger ist. Der zweite Teufelskreis ist das Zusammenspiel zwischen den Politikern und dem Publikum. Es gibt überhaupt keine Regierung, die hier einen Abbau vollziehen könnte, der Herrn Illich vorschwebt, die also für eine Entillusionierung der Medizin oder ein Reduzieren Her Kassenleistungen eintreten könnte. Das kann eigentlich eine Regierung nicht machen. Im Gegenteil, alle Parteien rivalisieren miteinander, immer neue Leistungen zu fordern. Noch niemand hat eigentlich gesagt — und das ist ja das Wichtige und Entscheidende bei Herrn Illich — daß eine totale Umstellung der Weichen notwendig ist, denn wir stecken ja bereits in der Sackgasse.

uns überlegt: Ist da eigentlich etwas grundsätzlich falsch an der Krankenversicherung, daß es zu einer solchen Kostenexplosion kommt? Die Antwort liegt in der Tatsache, daß eine Krankenversicherung, von dem Moment an, da es sie gibt, in den sozialen Tatbestand mit eingeht, ja den sozialen Tatbestand vermehrt, ihn erweitert. Zum Beispiel hat man sich eines Tages entschlos_sen, auch den Arbeitern bei Arbeitsunfähigkeit für 13 Wochen Krankengeld zu zahlen. Und damit sie auch wieder gesund werden, bezahlte man ihnen die ärztliche Behandlung. Als das einige Jahre lief, erkannte man, daß es ja gar keinen Zweck hat, cjem Arbeiter bloß dann die Behandlung zu bezahlen, wenn er arbeitsunfähig ist. Besser — so sah man — ist es doch, ihm die Behandlung schon vorher zuteil werden zu lassen, damit er nach Möglichkeit gar nicht erst arbeitsunfähig wird.