Die USA sind der wichtigste Uranlieferant Europas. Jetzt drohen sie, den Nachschub für die Atomkraftwerke zu stoppen.

Die Auseinandersetzung zwischen den USA und der Europäischen Gemeinschaft (EG) über die Subventionierung euro- päischer Käseexporte nachAmerika war gerade abgeklungen, als sich in Brüssel ein neuer transatlantischer Zvist abzeichnete. Die am 31. März von der amerikanischen Nuklearbehörde Nuclear Energy Regulatory Commission bekanntgegebenen neuen Genehmigungsverfahren bei der Lieferung von angereichertem Uran hatten die EG-Kommission zu scharfen Protesten veranlaßt.

Die Kommission warf den Vereinigten Staaten am vergangenen Freitag vor, Vereinbarungen aus dem langfristigen Lieferabkommen zwischen den USA und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) zu verletzen. Der Kommission fällt nach dem Euratom-Vertrag die Versorgung der EG-Verbraucher mit Kernbrennstoffen zu. Nach ihrer Ansicht könnte durch die amerikanischen Bestimmungen das gesamte Kernenergieprogramm der EG gefährdet werden.

Anlaß der Maßnahmen ist die leidenschaftliche Diskussion in der amerikanischen Öffentlichkeit über die Möglichkeiten und Gefahren eines unbefugten Umgangs mit radioaktivem Material. Die Sorge, daß Terroristen mit gestohlenem Plutonium eine Bombe basteln könnten, hat die US-Behörden veranlaßt, den Schutz der Kraftwerke und des Urans außerordentlich ernst zu nehmen. Neue Lizenzen für die Ein- und Ausfuhr von nuklearem Brennmaterial sollen so lange nicht vergeben werden, wie die geltenden Sicherheitsvorschriften nicht überprüft und bessere Bestimmungen nicht erlassen sind. Die laufenden Lieferverträge sollen „Fall für Fall“ untersucht werden.

80 Prozent des EG-Bedarfs an Kernbrennstoffen decken die USA, den Rest liefert die Sowjetunion. Erst ab 1978 können die Europäer einen Teil des Urans selbst aufbereiten.

Schon vor einem dreiviertel Jahr begannen die Schwierigkeiten mit den Amerikanern. Die Nuklearbehörde nahm keine neuen Lieferverträge mehr an und setzte ihre Kunden vorerst auf eine Warteliste. Von Lieferausfällen wären die Kernkraftwerke in der Bundesrepublik noch nicht sofort betroffen. Sie halten einen Vorrat an angereichertem Uran von durchschnittlich drei Jahren. Die Brüsseler Kommission ist aber vor allem deshalb verärgert, weil die US-Behörden in einer Art Kurzschlußhandlung ohne Konsultation der EG gehandelt haben. Ein EG-Beamter: „Anstatt Uran exportieren die Amerikaner jetzt ihre Hysterie.“ hhb