Von Dietrich Bächler

Der Wissenschaftsrat versucht sich – wieder einmal – als Pionier der Wissenschaftspolitik. Seine jüngsten „Empfehlungen zu Organisation, Planung und Förderung der Forschung“ beschäftigen sich mit einer Materie, die bisher weitgehend unerforscht blieb: Forschung scheint sich nicht gerne selbst ins Visier zu nehmen.

Daß der Wissenschaftsrat eineinhalb Jahrzehnte benötigte, um sich endlich mit dem zu befassen, was Wissenschaft entstehen läßt und vorantreibt, ist allenfalls aus der stürmischen Entwicklung zu erklären, die die wissenschaftliche Ausbildung in dieser Zeit genommen hat. Wissenschaftspolitik wurde völlig Beherrscht von jenem Phänomen, das man zunächst als Bildungsoffensive gefeiert und später als Studentenlawine bedauert hat. Forschung galt bei Rechnungshöfen, in Kultus- und Finanzministerien weitgehend als eine Ausrede von Professoren, die sich ihren Lehrverpflichtungen entziehen wollen.

Dabei blieb die traditionelle Einheit von Forschung und Lehre unangetastet, und die Forschung verharrte im Dunkeln. Hochschulforschung entwickelte sich und entwickelt sich immer noch neben der Forschung in Bundesanstalten, in Großforschungszentren, Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten – die Wechselbeziehungen bleiben zufällig. Wer freilich jetzt vom Wissenschaftsrat fertige Rezepte erwartet, um die Probleme der Forschung zu lösen, wird enttäuscht. Über weite Strecken erschöpft sich die Publikation, ein respektables Buch von 432 Seiten, in einer Bestandsaufnahme. Kritik und Reformvorschläge wirken zuweilen wie zufällig eingestreut, ohne daß der Gesamtansatz deutlich würde. Wo die heißen Eisen der Forschungspolitik liegen, vermag nur der Eingeweihte zwischen den Zeilen aufzuspüren. Der Wissenschaftsrat hat sich die Finger daran nicht verbrannt.

Besser absprechen.

Notwendigkeit und Umfang staatlicher Forschungsplanung gehören zu diesen heißen Eisen. Aus dem Bundesministerium für Forschung und Technologie sind in den letzten Jahren wiederholt Stimmen laut geworden, die eine zentrale Lenkung der aus öffentlichen Mitteln finanzierten Forschung für notwendig hielten. Welche Bedürfnisse in einer Gesellschaft vorrangig befriedigt werden, hängt zu einem nicht geringen Teil davon ab, auf welche Gebiete sich wissenschaftliche Forschung konzentriert. Wer daher aus radikal-demokratischer Sicht der Auffassung anhängt, die Rangordnung menschlicher Bedürfnisse sei durch zentrale politische Mehrheitsentscheidung festzulegen, muß eine solche Entscheidung auch dann fordern, wenn es darum geht, Prioritäten in der Forschung, festzulegen. Wissenschaftspolitischen Demokratisierern ist sogar die Idee gekommen, Forschungsthemen durch Volksbefragung zu ermitteln.

Die liberale Gegenposition ist bekannt. Sie will die Pluralität der Standpunkte gesichert wissen, auch den Bedürfnissen von Minderheiten eine Chance geben. Der Nutzen wissenschaftlicher Forschung wird nicht nur in der Anwendung, sondern auch in der Suche nach Wahrheit gesehen.