Indochina-Katastrophe: kein Grund, die Nato aufzukündigen / Von Theo Sommer

Vietnam ist nicht die Welt“ – die Überschrift des Londoner Economist klingt harsch und herzlos. Sie drückt aber nichts anderes aus als eine realistische Einsicht: Die Hinnahme des Scheiterns in Indochina kann nicht gleichgesetzt werden mit einer Zurückweisung jeglicher weltpolitischer Verantwortung durch die Amerikaner. Der Verlust eines hohen Spieleinsatzes ist nicht identisch mit dem totalen Bankrott.

Schlimm genug, daß der amerikanische Außenminister, dem der Nobelpreislorbeer auf der Stirn welkt, seinen Landsleuten dies in einer Spenglerschen Weltuntergangsanwandlung einzureden versucht. Mit dem Verzicht darauf, klüglich zu differenzieren, Interessen abzuwägen, Prioritäten zu setzen, versucht der Praktiker Kissinger zu bemänteln, daß er drei Grundregeln verletzt hat, die einst der Theoretiker Kissinger in seinem großen Werk über Metternich und Castlereagh für Außenpolitiker aufgestellt hatte. Erstens: Bei diplomatischen Erfolgen nie Form und Inhalt zu verwechseln. Zweitens: Sich niemals Ziele zu setzen, die jenseits der materiellen Möglichkeiten eines Landes liegen. Drittens: Die härteste Probe zu bestehen und für eine Politik innenpolitische Zustimmung zu gewinnen, sie mit der Erfahrung der Nation zu harmonisieren,

Nichts davon ist Henry Kissinger gelungen. Doch wäre es lebensgefährlich, gerade für die Europäer, wenn sie das Scheitern seines Anspruchs an sich selbst jetzt mit einem Scheitern der amerikanischen Außenpolitik schlechthin verwechseln wollten. Die jüngsten Ereignisse in Südostasien haben seinen Nimbus des Friedensbringers zerstört. Die Geschehnisse haben auch den Traum von amerikanischer Allmacht zerstieben lassen. Make the world safe for democracy – das geht nicht überall, schon gar nicht dort, wo die örtlichen Machthaber an der Demokratie gar kein Interesse zeigen, sondern lieber Tigerkäfige bauen und selbst die nichtkommunistische Opposition darin einsperren. Gleichwohl bleiben die Vereinigten Staaten immer noch eine Weltmacht.

Nichts ist so unsinnig wie die wohlfeile Larmoyanz, mit der manche hierzulande verkünden, Amerikas Glaubwürdigkeit sei angeschlagen – wenn es Vietnam im Stich lasse, werde es im Ernstfall auch Europa preisgeben. „Ein Stück Sicherheit der freien Welt geht in diesen Tagen verloren“ (so die Welt am Sonntag) – derlei Sentenzen zielen am Kern der Dinge vorbei. Dagegen steht die nüchterne Ansicht des Nato-Generalsekretärs Luns, daß Europa eher aufatmen dürfe, wenn Amerika sich endgültig aus seiner indochinesischen Verwicklung löse und seine Kräfte wieder auf seinen engeren Interessenbereich konzentriere.

Politik ist nun einmal die Kunst des Möglichen. In Indochina hat Amerika unter sechs Präsidenten Unmögliches versucht. Wenn es jetzt endlich aus der Einsicht in die Unerfüllbarkeit seiner Wünsche die Konsequenz zieht, wer wollte es dafür tadeln? Auch die europäischen Verbündeten der Vereinigten Staaten erkennen: ein Eingeständnis des Scheiterns ist besser als ein Beharren im Scheitern; eine Wiederaufnahme des Bombenkrieges würde vielleicht einem fiktiven amerikanischen Prestigebegriff Genugtuung verschaffen, aber die Bevölkerung Indochinas vollends zu Tod und Elend verurteilen; ein Amerika, das nach ungeheuren Opfern an Gut und Blut nun seine Hände in Unschuld wäscht, belastet die Atlantische Allianz weit weniger als eines, das jetzt, angesichts der Katastrophe in Südostasien, sich noch einmal in eine hoffnungslose Intervention verstrickte.

Einer braucht den anderen