Und gegen die Bären packe ich ein Gewehr ein“, beendet Sepp Weber seine Aufzählung der Ausrüstungsgegenstände für die „Reise im Expeditionsstil, weitab jeder Zivilisation“. Mit mehreren Bayern hatte ich mich durch die verlockende Werbung einer Münchner Wildwasserschule auf einen außergewöhnlichen Abenteuer- und Aktivurlaub eingelassen: auf eine Kajakfahrt in Alaska, auf „wilden, klaren Gebirgsbächen“ vor der Kulisse des eisgepanzerten Bergriesen McKinley (430 Dollar plus 1785 Mark Flugkosten).

Daß es tatsächlich gefährliche Bären im größten Staat Amerikas gibt, hatte uns schon der Zöllner bei der Ankunft auf dem Flughafen Anchorage versichert. Er erzählte von einem Photographen, der erst letzte Woche einen Grizzly so sehr mit seiner Kamera erschreckt hatte, daß dieser ihn zerfleischte.

„Der vorgesehene Wildbach am McKinley-Park ist leider ausgetrocknet“, überraschte uns Sepp Weber, der ortskundige Wildwasserexperte, den der Traum von einem großzügigen, freien Leben und der Duft der „großen, weiten Welt“ (so die wörtliche Übersetzung des aleutischen Namens „Alyeska“) vor fünfzehn Jahren aus dem engen Alpenraum nach Alaska getrieben hatte. Im Winter bringt Sepp Weber als Skischulleiter Gästen auf Alaskas Bergen das Wedeln bei. Im Sommer verkauft er zivilisationsmüden Mitmenschen „wild life“ – Berg- und Wandertouren in der Einsamkeit und Weite Alaskas und eben auch Wildwasserfahrten. Unser gebuchtes Programm habe er wegen der ungewöhnlichen Trockenheit abändern müssen und eine neue Paddelstrecke für uns ausgesucht: den Fortymile River, „mit Schwierigkeiten bis zum dritten Grad“, der uns dann in Kanada auf den Yukon, „mit meterhohen Wellen“, bringen soll. Statt eines Sturzhelms, den man zum Wildwasserfahren gewöhnlich braucht, empfiehlt uns Sepp, lieber eine Schwimmweste mitzunehmen. Und was das Schießeisen betrifft: „Ein Gewehr gehört zu jedem freien Alaskaner.“ Patronen dafür gibt es in jedem Supermarkt zu kaufen.

Startplatz Chicken. „In welcher Richtung sollen wir eigentlich lospaddeln?“ fragt einer der enttäuschten Wildwasserfans angesichts des stehenden, von toten Mücken übersäten Gewässers. Vor uns liegen fast 500 Kilometer, die wir in elf Tagen schaffen müssen. Unsere langen Gesichter richtig deutend, schlägt Sepp vor: „In zwei Tagen hole ich euch mit dem Auto ab, wenn es euch nicht gefällt.“ Zumindest sei diese Gegend „historisch interessant“.

Als 1896 am Klondike River, einem Nebenfluß des Yukon, das erste Gold gefunden wurde, zog ein großer Treck von Glücksrittern nach Norden. Einige machten ein Vermögen; viele verhungerten, bevor sie auch nur ein Goldkörnchen erblickt hatten, starben an Erschöpfung auf dem mörderischen Marsch über schneebedeckte Pässe oder ertranken in den reißenden Canyons. Auf dem Yukon herrschte damals ein reger Betrieb von Raddampfern, die Menschen und Waren in das Goldgräberzentrum Dawson brachten. Wir finden an den Ufern des Fortymile River und des Yukon noch die Überbleibsel des großen Goldrausches: verlassene Bretterbuden, darin verrußte Kochtöpfe, Salz und faule Eier, stumpfe Sägen, verrostete Goldpfannen. Aber keine Menschenseele weit und breit.

Plötzlich ein Motorengeräusch mitten in der Einsamkeit. Schnatternd vor Kälte steht ein Mann im Taucheranzug im eiskalten Wasser. In seiner Hand hält er krampfhaft ein kleines Fläschchen mit Goldkörnchen fest: „Das ist fast 1000 Dollar wert“, meint der Mann und zeigt eher widerwillig eine kaum einen Meter lange Maschine, mit der er den Flußsand auf ein Rüttelsieb saugt, um dann mit dem Zeigefinger nach Goldstaub zu suchen. „Das alles habe ich in einer Woche aus dem Fluß geholt“, erklärt der moderne Goldgräber.

Seit der Goldpreis auf etwa 150 Dollar pro Unze gestiegen ist, hat ein neuer Goldrausch Alaska erfaßt. Riesige Bagger, die jahrelang aus Rentabilitätsgründen stillstanden, durchwühlen heute wieder am Yukon und seinen Nebenflüssen den morastigen Boden. Im letzten Monat hat die Minengesellschaft Gold im Wert von 20.000 Dollar gefördert.