Von Rainer Frenkel

Bleich, mit versteinertem Gesicht, seit Wochen übernächtigt – so stellte sich Toni Schmücker am vergangenen Dienstag der Öffentlichkeit.

Was der erst seit drei Monaten amtierende Chef des Volkswagenwerkes mitzuteilen hatte, überraschte nach der Aufregung der vergangenen Wochen allerdings niemanden mehr: Mit Massenentlassungen und Gesundschrumpfen (siehe Seite 34) will er VW aus der Krise steuern. Mit drastischen Kapazitätsschnitten verhindern, daß alle Arbeitsplätze in Gefahr geraten oder VW zu Post und Bahn in den Kreis der ewigen Sozialhilfeempfänger rückt.

Die Abmagerungskur der vergangenen anderthalb Jahre – Einstellungsstopp, Prämien für den freiwilligen Abschied, vorzeitige Pensionierung – hatte zwar die Lohnlisten des Konzerns bereits um über 20 000 Mitarbeiter ausgedünnt Doch die Naturheilmethode reichte nicht mehr aus.

Der kranke Autoriese mußte doch noch aufs Prokrustesbett, um mit der Axt in Form gebracht zu werden. Zu lange und zuwenig kontrolliert waren die Folgen unternehmerischer Fehlentscheidungen, außenwirtschaftlicher Ereignisse und sachfremder Einflüsse gewuchert.

Nicht daß es an Warnungen Beteiligter und Unbeteiligter gefehlt hätte – doch eine konjunkturelle Absatzkrise im Ausmaß einer mittleren Katastrophe war nötig, um auch allen, die es anging, klar zu machen, daß grundlegende, strukturelle Webfehler vorlagen.

Schon die letzte Rezession – 1967 – hatte sorgenvolle Mienen produziert. Doch allzu schnell ging es wieder aufwärts. Rasche Markterfolge verstellten den Blick aufs Grundsätzliche. Und 1971 – als der in früheren Zeiten Jahr für Jahr stattlich ausfallende Gewinn fast gänzlich ausblieb – schaßte zwar der Aufsichtsrat den glücklosen Vorstandschef Kurt Lotz, klagte das damalige Ratsmitglied Otto Brenner, es sei „ganz offensichtlich, daß die Geschäftslage katastrophal ist“, doch schon zwei Jahre später riefen die Wolfsburger mehr als 10 000 neue Mitarbeiter zu den Fahnen. Trotz dünner Erträge kehrte noch einmal Hochstimmung ein.