Im Titel sich an einen literaturwissenschaftlichen Bestseller von Hans-Robert Jauss anlehnend, faßt der Kölner Germanist Karl Otto Conrady eine Reihe sehr verschiedenartiger Aufsätze und Artikel zu einem Buch zusammen, das auf genaue Weise und durchaus beispielhaft in die Diskussion um den heutigen Stand der Germanistik in der Bundesrepublik einführt und zugleich, einen wesentlichen Beitrag zu dieser Diskussion bedeutet. Zentrales Thema der Publikation von

Karl Otto Conrady: „Literatur und Germanistik als Herausforderung – Skizzen und Stellungnahmen“; st 214, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; 288 S., 7,– DM

ist der so heftig angefochtene Umgang mit Literatur, und schon daß Conrady dieser Herausforderung nicht aus dem Wege geht, sondern ausführlich Rechenschaft ablegt, ist verdienstvoll.

Die Bedeutung der Literatur als notwendiger Überschuß und „sichtbarer Vor-Schein“ (Bloch), als Erkundung und Experiment wird so genau ins Auge gefaßt wie ihre Geschichtlichkeit, wobei dann die Wendung gegen die Verfechter einer voraussetzungslosen Konzeption des „zeitlos Schönen“ notwendig polemisch wird. Der Verfasser greift auch auf Kategorien zurück, die über das nur Ästhetische hinausgehen, nämlich gesellschaftliche. Das freilich setzt wiederum ein Geschichtsverständnis voraus, nach dem der Mensch sich als Subjekt der Geschichte betrachten kann und seine Welt als veränderbar.

Deshalb wendet sich Conrady auch gegen noch immer herumspukende Mystifizierungen von Dichtung und Dichter, die selbst historisch erklärbar werden: Der kompensatorische Zusammenhang von inhumaner Praxis und der Apotheose „reiner Dichtung“ wird schonungslos von ihm bezeichnet – ihm erlagen freilich nicht allein manche Autoren, sondern auch sensible Seelen, die nur Leser waren und kundige Gelehrte. Damit rührt Conrady an ein Stück Wissenschaftsgeschichte. Doch bleibt es nicht bei theoretischen Erörterungen: Interpretationen von Goethe-Gedichten schließen sich an, die keineswegs Gänge durchs Literaturmuseum sind, sondern Niederschlag sehr kritischer Lektüre, weshalb er auch die Aktualisierung der Texte riskiert, was in dieser Wissenschaft vor kurzem noch verpönt war. So wagt er es auch, Aussagen Goethes mit solchen des trotzigen, republikanischen Seume zu konfrontieren, ohne doch deswegen die Börneschen Ungerechtigkeiten zu wiederholen.

Ausführlich wendet Conrady sich dem Brechtschen Realismus zu, und den Vorwurf, daß die Germanistik der Diskussion ihrer eigenen nicht ganz unbelasteten Vergangenheit ausweicht, erhebt er bereits in einem Artikel von 1964. Zur Kritik gehört eben nicht nur die Reflexion auf die eigenen Voraussetzungen, sondern auch auf den historischen Zusammenhang, in dem sie sich vollzieht. Conrady tritt – für viele andere – sichtbar aus einem falschen Traditionszusammenhang heraus und fordert Rechenschaft, die er selbst; er zeigt es, jederzeit abzulegen bereit ist.

Ralph-Rainer Wuthenow