Von Winfried Scharlau

Dienstag, 8. April 1975

Dreimal flog heute morgen ein Düsenbomber einen Zielangriff auf den Präsidentenpalast. Beim dritten Anflug, um 8.25 Uhr morgens, war die Explosion einer Bombe und Flakfeuer zu hören.

Keine zehn Minuten später hatten sich die Journalisten vor der Absperrung des Palastes versammelt. Von dort aus waren Spuren des Bombardements nicht zu erkennen. Die Nervosität der Wachmannschaften verriet indes, daß etwas Dramatisches passiert war. Es dauerte eine Weile, bis der Staat – oder was von ihm geblieben ist – seine Fassung wiederfand. Polizei tauchte in hellen Scharen auf, um die Schaulustigen zurückzudrängen und die Journalisten zu vertreiben.

Mit einem Bombenangriff auf den Präsidentenpalast hatte 1961 der Niedergang Ngo Dien Diems begonnen. Der Anschlag auf den Präsidenten scheiterte damals. Auch Thieu hat den Angriff ohne Schaden überstanden. Die Bombe schlug im Park des Palastes ein und tötete zwei Wachsoldaten. Die Kommandozentrale des Regimes blieb intakt. Am Nachmittag hieß es im Radio, der Anschlag sei das Werk eines einzelnen, eines Luftwaffenpiloten, dessen Familie in Da Nang den nordvietnamesischen Truppen in die Hände gefallen sei.

Damit war die Air-Force-Führung aus dem Verdacht entlassen, den viele in Saigon heute morgen geteilt haben: daß Vize-Marschall Nguyen Kao Ky, der schon beim Attentat auf Diem die Hand im Spiel gehabt hat, auch diesmal wieder dabei sei.

So paradox es klingt: Einen Tag lang hat Saigon den Krieg vergessen. Die milde Euphorie der Bevölkerung mochte aus der Hoffnung rühren, ein Wechsel an der Spitze könne die Politik wieder in Bewegung bringen und dem Reststaat Saigon das Schicksal einer militärischen Eroberung ersparen. Die Erwartung hat sich nicht erfüllt, aber die Hoffnung ist geblieben. Der Bombenangriff hat die Zielmarkierung gesetzt. Viele mögen sich berufen fühlen, das Urteil der Geschichte an Nguyen Van Thieu zu vollstrecken.