Von Ben Witter

Nach dem Urteil des Schwurgerichts hatte man im Untersuchungsgefängnis zu Ludolf K. gesagt, daß er bei seiner Vorbildung schon übermorgen in der Bibliothek sitzen würde, und wenn da nichts frei wäre, müßte er schriftliche Arbeiten machen, auf alle Fälle so was, und bei seiner Vorbildung, da wäre man auch bei der Bildungsarbeit für die Mitgefangenen hundertprozentig auf ihn angewiesen, und bei der Gefangenenzeitung erst, also bei der Vorbildung, da wäre er nun überhaupt ganz vorn... Und er ging mit dem nächsten Schub ab in die Strafanstalt.

Bei seiner Vorbildung hätte sich Ludolf aber erkundigen sollen, was es da sonst noch alles gibt, und man hätte ihm gesagt, daß es da Rangordnungen gibt, da sind die Lebenslänglichen, die sich in verschiedene Gruppen aufteilen, die Einbrecher und Schränker, die sich in verschiedene Gruppen aufteilen, die Betrüger, die sich in verschiedene Gruppen aufteilen, die Räuber, die sich in verschiedene Gruppen aufteilen, die Sexualverbrecher, die sich in verschiedene Gruppen aufteilen, nur die Strichjungen nicht. Das hätte man ihm bestimmt gesagt, und auch das noch, daß es da unter den Gefangenen nur eine Auffassung gibt: Was ich nicht haben darf, sollst du auch nicht haben – und Denunzianten, die durch ein Vergünstigungssystem der Verwaltung manchmal fleißig belohnt werden, und er als Artikelschreiber für die Gefangenenzeitung bei Kritik an Mitgefangenen sogar mit Morddrohungen rechnen muß, und vom Schließer bis hinauf zum Anstaltsleiter, ihn immer alle im Visier haben würden.

Zum Vollzugsleiter sagte Ludolf gleich, daß er bei seiner Vorbildung in der Bibliothek sitzen müsse, aber der Vollzugsleiter sagte, das mache alles der Arbeitsinspektor, und der schickte ihn erst mal in die Hosenkonfektion, weil dem niemand gleich so kommen durfte. Und in Ludolfs Zelle war noch einer, das war Toni M., von Beruf Metallarbeiter, der war irgendwas in der Küche, und Ludolf fragte sich, was der da wohl ist, aber Toni schlief, wenn er mit ihm ausführlich reden wollte, der kam und schlief.

Ludolfs Bettwäsche war nach vierzehn Tagen noch sauber, eingerissen war das Bettlaken schon vorher gewesen, aber er paßte auf, daß der Riß nicht weiterging. Tonis Bettwäsche war schmutzig, aber der sagte sich, was geht mich das an, ich schlaf’ nur drin. Ludolf konnte aber nicht schlafen, und er paßte ja auch auf, daß der Riß im Bettlaken nicht weiterging. Dann kam er mal nach Toni in die Zelle, und der schlief schon, aber er schlief in Ludolfs sauberer Bettwäsche und hatte ihm seine schmutzige hingelegt. Ludolf saß die ganze Nacht auf dem Bett, und morgens sagte er zu dem Schließer, daß Toni die Bettwäsche umgetauscht hätte, und Toni mußte seine schmutzige wieder zurücknehmen.

Ludolf wollte aber nicht in der Bettwäsche schlafen, die Toni schon benutzt hatte, und legte sich auf die Matratze. Das sah der Schließer und sagte, daß niemand auf der nackten Matratze schlafen dürfe, wo gäbe es das denn, auch draußen nicht, und er solle die Bettwäsche umdrehen. Ludolf konnte überhaupt nicht mehr schlafen und wusch sich nachts öfter, um wach zu bleiben und weil er sich überall so schmutzig fühlte. Da wachte Toni auf, der konnte das Wasser nicht immer laufen hören und hielt Ludolfs Gesicht so lange unter den Wasserhahn, bis er keine Luft mehr kriegte, aber er wehrte sich dann doch noch, er gegen Toni, und Ludolf fiel mit dem blutigen Gesicht auf die Matratze. Ludolf zog gegen Morgen die Klappe, so lange war er fast besinnungslos gewesen, und der Schließer zeigte nur auf das Blut auf der Matratze und sagte gar nichts, und da fing Ludolf an zu toben und ging auch auf den Schließer los, und man verlegte ihn in die Beruhigungszelle. Der Toni ist sonst ein ganz passiver Typ.

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