Von Heinz Josef Herbort

Wenn sie auf das Podium marschieren, dabei jeweils hübsch einen Abstand zwischen sich lassen, die Instrumente ein bißchen wie Fetische vor sich tragen, den Blick konsequent auf die wenigen Meter Bühnenboden vor sich richten, vor der ersten Verbeugung durch das Publikum hindurchgucken, sich dann artig und sehr tief, aber doch mit Energie verneigen, rasch ihre Plätze aufsuchen und emsig die Noten ordnen, wenn sie mit kleinen Rucken noch die Stühle um Zentimeter verstellen und ein letztes Mal am Feinstimmer die E-Saite korrigieren – dann ist das alles andere als die Routine der Profis. Die vier Herren des Tokyo String Quartet – sie sind zwischen 27 und 31 Jahre alt – gestehen, vor jedem Konzert doch noch sehr nervös zu sein.

Nun müßte es eigentlich heißen, das sei doch gar nicht mehr nötig; immerhin hätten sie doch schon, seit sie 1970 den Wettbewerb der deutschen Rundfunkanstalten gewannen, ein Jahr nachdem sie sich zu einem Quartett zusammensetzten, die Karriere-Leiter mühelos, gewissermaßen im Sprung, bis zur Spitze erklommen, im mer gleichsam drei Stufen auf einmal. Das ist richtig, aber stimmt doch nur zum Teil.

Schallplatten-Interessenten sind die drei Aufnahmen des japanischen Quartetts bekannt: Ende 1971 eine „Debüt“-Platte mit Haydn und Brahms, 1973/74 zwei Haydn-Quartette, Ende 1974 zwei Mozart-Quartette. Wer eine kleine Bemerkung auf dem Plattencover der letzten Aufnahme übersah, hat noch ein Erstaunen gratis: der Klang des Ensembles hat sich, so scheint es, innerhalb eines Jahres völlig verändert. Des Rätsels Lösung: Anfang 1974 überließ die Corcoran Gallery in Washington D. C. den vier Japanern vier Instrumente des italienischen Instrumentenbauers Nicola Amati. Seit der Zeit besitzt das Quartett einen kaum zu verwechselnden Klang: dunkel im Timbre, sehr weich in den Konturen – die Töne zerfließen und laufen ineinander über.

Beispielsweise der Anfang des „Dissonanzen-Quartetts“ von Mozart: Wie sich hier die Halbtonverschiebungen der ersten Takte, nach denen das Werk seinen Namen hat, ineinander verzahnen, wie sie verschmelzen, wie sich ein A an einem As-Dur-Dreiklang reibt und später, in der Parallele, ein G an einem Ges-Dur – das ist gewiß eine der kühnsten harmonischen Wendungen, die Mozart je, zumal in einer Eröffnung, erfand. Im Piano des Tokyo String Quartet, das sich in der harmonischen Entwicklung nur zu einem ganz kurzen Forte aufschwingt und sofort wieder ins Piano zurückkehrt, offenbart diese Passage all ihre Melancholie und Resignation; der Schmerz aber ist zudem in eine wunderschöne Hülle verpackt, ist sozusagen selber zu einer Schönheit geworden, die sich in die Distanz des Unnahbaren, Nichtgreifbaren, des nur zu Bewundernden zurückgezogen hat.

Wer all dies von der Platte her kennt und ins Konzert kommt, staunt noch einmal. Was bis dahin trotz Stereo und Hi-Fi in den Lautsprechern hängen blieb, offenbart sich plötzlich mit Vehemenz: die Transparenz eines mehrstimmigen Geflechts. Diese jungen Musiker haben es verstanden, die Partituren nicht nur in den für sie typischen Klang zu übersetzen, sondern auch darüber hinaus diesen Klang aus den Einzelstimmen heraus aufzubauen, aus individuellen Linien: jedes Instrument hat seine charakteristische Farbe und seine motivische Dominanz, und trotzdem ist das Ganze nicht zersplittert, unruhig, zerfasert, sondern rund, weich, harmonisch, eben „schön“.

Was ist das für ein Ensemble, das sich mit so jungen Jahren die Gunst der Instrumenten-Mäzene erwarb und, so gefördert, sich unter die großen Quartette unserer Tage spielte?