Das bekannteste Hindernisrennen der Welt

Von Rolf Kunkel

Morgens um sieben ist die Welt in Aintree noch in Ordnung. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf einen 260 Morgen großen Landstrich am Rande Liverpools, der seinen Namen einer Veranstaltung gegeben hat, die wie keine andere Empörung, Abscheu, Faszination und Anteilnahme auslöst: Aintree – Heimat des populärsten und schwierigsten Hindernisrennens der Welt. Die Gegner des Grand National haben das Rennen in der Nachbarschaft der Stierkämpfe angesiedelt, die Befürworter sprechen von einer beispiellosen Leistungsprüfung für Pferd und Reiter. Drei Dutzend Pferden wird auf der Nebenbahn die Steifheit einer langen Boxennacht aus den Gliedern getrieben, der Rauhreif kontrastiert mit dampfenden Tierleibern. Der eigentliche Kurs ist off limits, er ist heilig wie der Rasen von Wembley. Es gehört zum Image der Bahn, daß sie nur an einem Tag im Jahr von Hufen aufgewühlt wird. Deshalb ist sie stets in guter Verfassung und das Rennen selbst wegen finanzieller Schwierigkeiten ständig in Frage gestellt. Mancher Jockey hat mehr mit sich als mit seinem Pferd zu tun. Der Abend vorher ist lang und hat trotzdem Tradition. Termine gibt es genug: Englands größter Buchmacher, ein Millionenkonzern, bittet zum Drink ins Casino; der Hilfsfonds geschädigter Jockeys will bei Bier und Sandwiches für jene sammeln, die im Rollstuhl hereingefahren werden und davon zeugen, daß das Risiko keineswegs einseitig zu Lasten der Vierbeiner geht: gelähmte oder amputierte Opfer einer 140jährigen Grand-National-Geschichte.

Besessene Abenteurer

Wer ihnen zuhört, merkt schnell, daß sie in die Kategorie der Besessenen gehören wie Bergsteiger, Autorennfahrer und die wenigen anderen Abenteurer einer automatisierten Welt, die kein noch so schwerer Sturz vom Comeback-Gedanken befreien kann. Gesprächsstoff liefert ein Pferd, das bei der Morgenarbeit tot zusammengebrochen war. „Besser so als im Rennen“, sagt der Trainer und rührt unbewußt im Grundsätzlichen. Wo liegt die Belastungsgrenze eines Rennpferdes? Jeder weiß was anderes, und niemand weiß es genau. Einig ist man sich nur über die Formel: Im Training werden Sieger gemacht oder kaputtgemacht. Der Whisky löst den Jockeys die Zunge, sie sind je nach Mentalität heiter bis ausgeglichen, es gefällt ihnen sichtlich, die Gesetze des Leistungssports außer Kraft zu setzen. Trainer und Besitzer halten die Zügel locker, wohl wissend, daß nicht sie es sind, die ihre Gesundheit oder gar Existenz, aufs Spiel setzen.

Am Nachmittag ein anderes Bild. Hinter Stallungen aus der viktorianischen Zeit parken millionenschwere Besitzer ihre Rolls-Royce, auf Tribünen, denen die Patina der Geschichte einen musealen Anstrich verlieh, treffen sich für umgerechnet 120 Mark Enthusiasten aus aller Welt, und im Pressebüro kämpft eine Hundertschaft Journalisten um ganze drei Telephone, die Aintree mit der Außenwelt verbinden. Das Grand National erhält in der mit Eurovisionsfanfaren geschmückten Fernsehoptik die Dimension eines riesigen Sportspektakels, reduziert sich aber vor Ort zu einer altmodischen Steeplechase in verrotteter Umgebung.

Während das Derby ein gesellschaftliches Ereignis ist, gehört das Grand National jedermann. Eine endlose Kette von Autobussen entläßt immer neue Besucher. Die meisten würden den zehnjährigen Wunderhengst „Red Rum“ nicht erkennen, käme er ihnen in Front der Königlichen Garde entgegen, aber was macht das schon. Mit Bauchläden operierende mobile Buchmacher sorgen dafür, daß alle hautnah am Rennausgang interessiert sind – jeder hat eigenes Geld investiert. So viel, daß die „bookies“ von 20 Millionen Pfund Umsatz sprechen und der britische Schatzkanzler umgerechnet 10 Millionen Mark an Wertsteuern einstreicht. Wer diese Einnahmequelle kritisiert, muß mit dem Vorwurf staatsschädigenden Verhaltens rechnen. In den Nachrichtensendungen der BBC fehlt denn auch jeder Hinweis auf die Anzahl getöteter Pferde. Das Studium der englischen Presse zeigt, daß Pro- und Contra-Diskussionen jedenfalls nicht mit Druckerschwärze ausgetragen werden. Über das Thema „Tierquälerei“ wird auf dem Rennplatz angestrengt geschwiegen, man läßt sich von der Atmosphäre einfangen und von der Aufregung anstecken. Polizisten Ihrer Majestät bewachen den Jockey-Raum wie die Bank von England, er gleicht dem Warteraum eines Zahnarztes, eine Folterkammer, in der jeder mit seinen schlimmsten Befürchtungen konfrontiert wird. Eine 15minütige Startverzögerung, weil ein Pferd seinen Huf verloren hat und neu beschlagen werden muß, sorgt dafür, daß den Schmetterlingen im Magen der Jockeys Stahlflügel wachsen.