Der Sprachkurs-Boom nimmt weiter zu. Die Ausland Sprachendienst GmbH (Nr. 1) nennt die Gründe: Sprachkurse buchen heute nicht nur wie bisher hauptsächlich Eltern für Schüler, deren Note wackelt, sondern vor allem Eltern, die im Hinblick auf den Numerus clausus ihren Sprößlingen eine bessere Abschlußnote im Abiturzeugnis verschaffen wollen. Im Berufsleben zwingt das Vordringen englischer Ausdrücke beispielsweise in der elektronischen Datenverarbeitung zum Ergänzen von Schulkenntnissen. Die stark exportorientierte deutsche Industrie verlangt immer häufiger schon für mittlere Positionen Kenntnisse von zwei Fremdsprachen.

Das Lehrmotto heißt total impact: Der Sprachschüler wird für einige Wochen aus der gewohnten Umgebung herausgelöst und in den Alltag des anderen Landes verpflanzt. Alles gehört dazu, Wohnen, Frühstück und Abendessen einschließlich des abendlichen Fernsehkonsums in einer Familie, die gegen Bezahlung Gastgeber spielt. Am Vormittag ist Unterricht mit viel Konversation, aber auch mit Grammatik und Fremdsprachenlektüre in einer Kleingruppe, die bis zu zehn Teilnehmer umfaßt. Sie kommen aus verschiedenen Ländern, so besteht der Zwang, auch in den Unterrichtspausen fremdsprachlich zu parlieren. Das gemeinsame Mittagessen findet in der Mensa statt, anschließend steht Sport auf dem Programm oder Spaziergänge, manchmal Ausflüge. Auf den Fahrten in die Umgebung spielt landeskundliches Lifeseeing eine größere Rolle als touristisches Sightseeing. Abends dann noch Besuche in Jugendklubs oder Diskotheken. Und dies alles zwei, drei oder vier Wochen lang, total impact meint auch, daß sich der Sprachschüler an die Vielfalt von Klangfarben, Intonation und Dialektfärbungen gewöhnen soll, um die fremde Sprache auch dann verstehen zu können, wenn sie nicht nach Schulbuchgrammatik gesprochen wird.

Die meisten Sprachschulen haben sich heute der Methode des total impact verschrieben. Zwar setzen noch immer einige mehr auf Sprachlabors und audiovisuelle Hilfsmittel. Und einige stellen sogar nur eine Verlängerung oder Intensivierung von Gymnasial-, Volkshochschul- oder Universitätssprachkurs dar. Allein schon die Auswahl, die in diesem Jahr die deutschen Veranstalter beziehungsweise Vermittler von Sprachkursen im Ausland getroffen haben, zeigt jedoch, daß mehr als bisher solche Institute jenseits der deutschen Grenzen in die Programme aufgenommen wurden, die einen integrierten Unterricht anbieten.

Wie bisher dominiert in den Angeboten der Veranstalter von Sprachreisen Großbritannien. An einigen britischen Instituten kann man auch seltene Sprachen wie indische oder afrikanische Dialekte erlernen. Auskunft über solche Schulen erteilt der Europäische Privatschuldienst (Nr. 4 in unserer Übersicht). Die meisten Sprachreisenvermittler bieten auch Kurse für Französisch und Spanisch an. Man kann heute aber auch immer mehr Kurse für Russisch, Deutsch oder Italienisch buchen. Es gibt Angebote für Kurse in Portugiesisch, Dänisch, Holländisch, seit drei Jahren auch in Latein (aber nicht als Feriennachhilfe!).

Die meisten Kurse finden in den jeweiligen Landessprachen in Großbritannien, in Frankreich und in Spanien statt. Man kann aber auch Englisch in der Schweiz, Spanisch in Mexiko oder Holländisch in Belgien lernen. Die angekündigten Kurse reichen vom „Junioren“-Lehrgang ab zehn Jahren bis zu Erwachsenen-Seminaren, und das Spektrum der Kurstypen ist ebenso reichhaltig wie die Auswahl an Kursorten: Vom stillen Landgut übers moderne College bis zur alteingesessenen Traditions-Sprachschule in der Großstadt ist alles vertreten. Und ebenso unterschiedlich sind 1975 auch wieder die Preise: Schon mit 750 Mark ist man vier Wochen lang dabei, aber auch das Zehnfache, 7500 Mark, kann ein Schüler für intensives vierwöchiges Einzeltraining, beispielsweise für einen Französischkurs in Paris, ausgeben (Veranstalter Nr. 9).

Der Boom freilich verhilft auch manchen privaten (nicht in unsere Übersicht aufgenommenen) Vermittlern zu fetten Gewinnen, die – speziell in Großbritannien – höchst fragwürdige Institute vermitteln: Aus dem Boden gestampfte Sprachschulen in vergammelten Seebäder-Hotels, Schulen mit pensionierten Lehrern, die ihr Ruhegehalt ein bißchen aufbessern wollen, mit Gastgebern, die an ihrem guest nur das paying interessiert, die sich nicht im geringsten um Familienanschluß bemühen. Diese Erscheinungen – auch überfüllte Kurse, hohe Zusatzgebühren, schlecht vorbereitete Ausflüge und wertlose Diplome gehören dazu – haben sich auch in der Bundesrepublik herumgesprochen, Man habe letztes Jahr feststellen müssen, „daß sehr viel kritischer nach der Qualität des Angebots gefragt wird“, räumt der Ausland Sprachendienst ein. „Aus der großen Zahl von Sprachschulen interessieren uns als Vermittler ohnehin nur die, die staatlich überprüft und anerkannt sind.“ Leider vermerken nur wenige Vermittler von Sprachkursen bisher in ihren Katalogen, ob die ausgeschriebenen Schulen eine staatliche Anerkennung besitzen.

Dann gibt es andere Veranstalter; die nicht die Offerten ausländischer Schulen einfach „einkaufen“ und zu einem „Paket“ mehrerer Leistungen (Bahn- oder Fluganreise, Transfers, örtliche Betreuung, Unterkunft, Ausflüge) „verschnüren“, sondern die selbst Sprachkurse im Ausland in eigenen Räumen durchführen. Nach dieser Methode arbeitet beispielsweise die „ef Ferienschule“, Heidelberg (Nr. 2 in unserer Übersicht). Dem einheimischen Lehrer stellt sie einen mitgebrachten jungen deutschen Pädagogen zur Seite, der gleichzeitig die Brücke vom deutschen Schulunterricht zur Methode des total impact schlägt. Dieser Veranstalter hat auch erkannt, daß die Schüler nicht überfordert werden dürfen, nur um am Ende eine in der weiteren Werbung verwendbare Notenverbesserung zu sichern. Bei der ef Ferienschule bringt das Programm eine ausgewogene Mischung von Unterricht, Familiengespräch, Sport- und Freizeitangeboten.