Jürgen Lodemann: „Anita Drögemüller und Die Ruhe an der Ruhr“, Roman. Das Ruhrgebiet als Konzentrat Westdeutschlands – das Buch versucht, daraus keinen Essay und keine Industriereportage zu man chen, sondern eine Geschichte. Einen Roman mit allen (Trivial-)Mitteln. Und in allen Medien: mit fiktiven Tonbandprotokollen, Zeitungsartikeln (WAZ), Fernsehdiskussionen, Dienstbriefen, Schlagertexten, TV-Reportagen, Operntexten und vor allem mit Umgangssprache, die bislang in solchem Umfang und mit solcher phonetischen Konsequenz selten eingesetzt worden ist Anita Drögemöller, dieser namentliche Mischmasch aus Don Juan und Müller, kommt durch ein Reichsbahn-WC zur Welt und in den Pott und verreckt auch in einem. Zwischendurch gerät der menschliche Emscher-Abschaum auf die Ruhr-Höhen, nämlich vor die Spitzen von Großindustrie und Politik. Bordell und Kriminalität als Modell freier Marktwirtschaft An realen Schauplätzen werden auf drei Zeit-Ebenen die 25 Jahre dieser Frau erzählt, 12 Stunden im Leben eines Kleinbürgers (des Polizisten der Krimi-Story) und fünf Tage, in denen diese beiden, die Hauptfiguren, hätten „kommunizieren“ können. Der Polizist versagt, nicht etwa an Sprachbarrieren, sondern weil er nicht herauskann aus seiner Rolle als Mann und Ordnungsmensch. Und die Arbeiter? Sie „kommen vor“. Aber nur in den krustigen Masken der Spießbürger, denn – nicht vergessen es herrscht schließlich Ruhe an der Ruhr. (Diogenes Verlag, Zürich, 1975; 388 S., 28,– DM.)