Der Antisemitismus – richtiger: die Judenfeindschaft, da auch die Araber Semiten sind – hat neben seinen religiösen und wirtschaftlichen vor allem auch psychologische Ursachen: den Neid, die Mißgunst, den Haß aus privater Enttäuschung. Richard Wagners antisemitisches Pamphlet "Das Judentum in der Musik" (in einer von dem Berliner Musiksoziologen Tibor Kneif kommentierten Sammlung Wagnerscher Aufsätze, erschienen bei Rogner & Bernhard, München 1975; 133 Seiten, 10,– DM) ist ein typischer Erguß persönlicher Rachsucht.

So etwa empfahl Richard Wagner in dünkelhafter Verachtung, um nur ein Beispiel zu geben: "...schon durch seine (des "jüdischen Wesens") bloße nackte Aufdeckung dürfen wir hoffen, den Dämon aus dem Feld zu schlagen, auf dem er sich nur unter dem Schutze eines gräulichen Halbdunkels zu halten vermag, eines Dunkels, das wir gutmütige Humanisten selbst über ihn werfen, um uns seinen Anblick minder widerwärtig zu machen." Oder er wollte Abscheu über die "Grimasse des gottesdienstlichen Gesangs der Juden" mit solchen Worten erregen: "Wer ist nicht von Grauen und Lächerlichkeit ergriffen worden beim Anhören jenes sinn- und geistverwirrenden Gegurgeis, Gejodels und Geplappers, das keine absichtliche Karikatur widerlicher zu entstellen vermag?" So, wenn im Stil noch ordinärer, stand’s dann später auch in Streichers Stürmer.

Über die Vorgeschichte, die Hintergründe und die Nachwirkungen des inkriminierten Wagner-Artikels in der von Robert Schuman gegründeten Neuen Zeitschrift für Musik gibt Kneif ausführlich Auskunft und versucht ein sachlich-gerechtes, ausgewogenes Urteil. Es verschanzt sich, wohlweislich, nicht etwa dahinter, daß Wagner auch Juden zu seinen engen Freunden zählte und als liberaler Revolutionär des Mai 1849 in Dresden für die Emanzipation der Juden sich engagiert hatte. Zu Recht weist Kneif aber auch darauf hin, daß er sich später vom militanten Antisemitismus distanzierte.

Wagners Kultur-Kreuzzug wider die Juden, die viel vom Geld, aber nichts von der Kunst verstünden, die an sich unschöpferisch, nur nachäffend seien, war eine Privatfehde gegen den damaligen Hauskomponisten der Pariser Oper, Meyerbeer. Der hatte vergeblich versucht, Wagners Werke in der Seine-Metropole durchzusetzen, wo er selber ein gefeierter Star war. So ist der Judenwiderwille des gedemütigten Deutschen in seinem gehässigen Artikel (der daher nicht in die "Gesammelten Werke" aufgenommen wurde) Wutausbruch einer "verwundeten Seele".

Dietrich Strothmann