Sonntag, 13. April: Landtagswahlen in Schleswig-Holstein

Das ist wie eine Liturgie. Eine Liturgie mit einem starren Reglement. Schriftlesung alias Hochrechnung. Predigt alias Kommentar. Statements, die von den Politikern routiniert wie das Amen oder das Ave oder das „in saecula saeculorum“ intoniert werden. Alles, das ist das Beruhigende daran, kann bis ins Detail hinein vorausberechnet werden: Zuerst kömmt die Lesung aus Mannheim oder Godesberg. Dann folgt die Exegese, und zwar, wie sich’s gehört, in zweierlei Gestalt. Am Anfang die Interpretation vor Ort: die Auslegung auf der Pfarrspielebene. Darin die Deutung der Bonner Zentrale, die das vor Ort Gesagte bestätigt.

Auch hier geht alles streng nach Komment. Der Sieger – und das sind grundsätzlich alle Parteien – vergleicht den Triumph von heute mit dem bescheidenen Ergebnis von gestern. Der Verlierer – doch den gibt es ja nicht – mißt seinen Mißerfolg an einem Debakel der letzten Bundestags- oder Landtags- oder Kreistagswahl: Irgend etwas findet sich da schon. Notfalls muß man einige Jahrzehnte zurückgehen: „Immerhin standen wir 1959 schon schlechter da als jetzt. Und auch damals ging’s wieder vorwärts.“ Der Sieger vergleicht den großen mit dem kleinen Aal; der Verlierer vergleicht den Hering mit dem Stint – aber was immer er tut, eins darf er auf keinen Fall vergessen: Er muß, so verlangt es der Kult, nach wenigen Sätzen mit ernstem Gesicht in die Kamera blicken, um den Wählern für ihr Vertrauen zu danken. Das erfordert viel Übung. Schließlich ist es nicht leicht, mit einem einzigen Augenaufschlag Millionen von Händen zu schütteln und dem Betrachter am Bildschirm den Eindruck zu vermitteln: Jetzt schaue ich dich an, Großvater aus Dagebüll, und jetzt, Bäuerin aus Kattrepel, ergreife ich fest deine Rechte. Hans Dietrich Genscher (der kann’s am besten) sagt dir Dank.

Und damit erst einmal genug. Die Predigt und die eigentlich theologische Exegese (Staat wählt christlicher als Land; Beamte bleiben kirchentreu; Bauern beginnen zu schwanken) folgt später ... wobei es keine Rolle spielt, wenn das in der Schriftlesung verkündete Ergebnis sich am Ende vom Schlußresultat unterscheidet. Godesberg sagt neunundvierzigkommaneun, der Landeswahlleiter sagt fünfzigkommavier: Schwamm drüber, Hauptsache, das Ritual bleibt unangetastet. Was kümmert uns der Inhalt, wenn nur die Formalien stimmen!

So gegen halb neun also ist’s fürs erste genug: Dann singt die Knef vor Österreichs Bergen und auf Österreichs Matten. Dann lädt ein Krimi in jene Villen reicher Leute ein, die der Betrachter mit dem Schloß des Hans Gerling vergleicht, das jüngst ein Hofbericht zeigte ... und siehe: Schloß und Schloß sind identisch. Das Meublement hat Stil, der Garten auch, und wenn Frau Dagover die Suppe mit der Löffelbreitseite zu sich nimmt und nicht, wie wir Plebejer, mit der Spitze des Löffels, dann weiß ein jeder auf den ersten Blick: Jawohl, wir sind an der rechten Adresse. So sieht es aus in den Kreisen der Großen. So pflegt man zu speisen, wenn man einen Gärtner hat und es sich leisten kann, im Kreis der Gespielen bei Karlchen in Kampen am Tresen zu hocken.

Und dann von der Rheinruhrvilla zurück nach Godesberg; von Kommissar Haferkamp zu Dietrich Schwarzkopf. Das Finale beginnt. Die liturgische Feier klingt aus. Es ging alles nach Plan. Nur Kuddel Schnööf fiel wieder einmal aus dem Rahmen: Jochen Steffen, der seine Befrager das Stottern lehrte, weil er, statt sich an die vorgeschriebenen Antworten zu halten, lutherisch-freimütig improvisierte. Herzhaft und wahrhaftig: so wie es die Lage und nicht wie es der Kanon gebot.

Eine Minute lang geriet das Zeremoniell in Gefahr, als das leere Ritual entlarvt zu werden, das es ist – parodiert von einem Mann, dessen Sprechweise zeigte: Man kann die Suppe auch mit der Löffelspitze an den Mund heranführen. Eine Minute lang allgemeine Verwirrung, als ob ein ungebetener Gast an der höfischen Tafel den Furz des Königs einen Furz genannt hätte. Aber nur eine Minute. Danach ging’s weiter, wie es die Etikette befahl: „Dank an die Helfer. Im Verhältnis zur letzten Landtagswahl. Vor allem in ländlichen Kreisen. Ausgeschieden aus dem Kreis der Kanzlerkandidaten. Tendenzwende: ja. Tendenzwende: nein...“ Die Fortsetzung des Rituals folgt am 5. Mai. Momos