Das französische Fernsehen bot eine spektakuläre Premiere: Alexander Solschenizyn stellte sich zum erstenmal vor der Kamera den Fragen von Journalisten und Schriftstellerkollegen. Offizieller Anlaß: Solschenizyn stellte sein neuestes Buch „Le Chene et le veau“ (Die Eiche und das Kalb) vor. Doch die Diskussion vor den Fernsehkameras bekam schnell einen ganz anderen Schwerpunkt. Das Stichwort gab Jean Daniel, Direktor des linken Wochenmagazins „Nouvel Observateur“: „Dies ist nicht nur ein literarisches, sondern vor allem ein politisches Ereignis.“ Und damit wurde die Debatte zum großen Mißverständnis.

Daniel, sicher für viele Linke sprechend, definierte seinen Kampf für Solschenizyn als Kampf für die Freiheit auch in Vietnam und Portugal. Sein indirekter Vorwurf an Solschenizyn: Er sähe die GULAGs im Westen nicht, habe versäumt, sich zu informieren, habe sich ein falsches Bild von seiner neuen Umgebung gemacht. Doch Solschenizyn gab offen zur Antwort, er verstehe die Frage nicht. Statt dessen legte er ein pazifistisches Bekenntnis ab. Für die Gegenrevolution habe er genauso wenig Verständnis wie für die Revolution; beide bedeuteten Zwang, beide seien schrecklich und unakzeptabel. Revolution, das heiße für ihn: Töte die anderen, und alles wird gut.

Und Vietnam? Das sei keine Revolution, vielmehr von Kommunisten ausgeübte Gewalt mit dem Ziel, neue Territorien zu erobern. Der Westen kann, so Solschenizyns Uberzeugung, weder China noch Vietnam retten. Es genüge, wenn er sich nicht selber verliere: „Es gab eine Zeit, als wir in der Illusion lebten, die westliche Welt sei so stark und frei, daß sie unser Sklavendasein nicht ertragen könne. Doch ich habe schon lange keine Illusionen mehr.“ So müsse auch Rußland sein Schicksal selber bewältigen, und genau das sage er seinen Landsleuten.

Ob der Kampf gegen Kolonialismus und Kapitalismus, für die Befreiung von Chile und Portugal nicht auch der Kampf sei, den Solschenizyn führe? Der Autor des „Archipel GULAG“ blieb erneut die Antwort schuldig. Standhaft weigerte er sich, über Dinge zu diskutieren, die ihm offensichtlich fremd geblieben sind. Statt dessen gelobte er, nie ein ernsthaftes Werk über den Westen zu verfassen, da es doch nur „unfreiwillige Erfindungen“ enthalten, würde – genau wie im Westen niemand etwas Seriöses über den Osten sagen könne, weil sich in der Sowjetunion niemand irgend etwas zu sagen traue und damit der Informationsstand zu niedrig sei. Solschenizyn will weiter nur vom Leiden seines Volkes reden. Er spüre nach wie vor einen inneren Zwang, der ihn bis zu seinem Tode nicht verlassen werde.

Sicher hat Solschenizyn mit seinem Auftreten im Fernsehen manche seiner Anhänger enttäuscht, die ihn voreilig vor den Karren ihrer eigenen Vorstellung von politischer Freiheit gespannt hatten. Doch gerade die Antworten, die er nicht geben wollte (oder nicht geben konnte), dürften manches Mißverständnis geklärt haben. Solschenizyn lebt noch in seiner ureigenen Welt, die ihre eigene Sprache hat. Die Vokabeln Chile und Portugal kommen darin, zumindest vorerst, nicht vor. Klaus-Peter Schmid