Die deutschen Ferusehunterhalter machen die besten Ideen kaputt (II)

Von Herbert John

In ihrer Uneinsichtigkeit hecken die Verantwortlichen stets das Gegenteil von dem aus, was sie tun müßten. Ein schönes Beispiel hierfür ist die regionale „Aktuelle Schaubude“, die von einer Frau Steinbauer und einem Herrn Müller angesagt wird. Als kürzlich die Dame einmal ausfiel, gewann die Sendung schlagartig Gestalt. Müller, ein Mann mit dem Charisma eines Sparkassenbuchhalters, bekam, auf sich allein gestellt, unvermittelt das Programm in den Griff. Doch der Norddeutsche Rundfunk zog daraus keiner Lehre. Er verkündete wenige Wochen späterste Ablösung des Paares Steinbauer-Müller, um dem Publikum Abwechslung zu bieten. „Das sind die Gesetze des Fernsehens“, verkündete Hauptabteilungsleiter Herzig, der damit offenbarte, daß er von den Gesetzen des Fernsehens keine Ahnung hat.

Der Krimi-Autor Jürgen Roland wurde als neuer Moderator bestimmt. Wenn der NDR nicht von allen guten Geistern verlassen wäre, beließe, er es bei Roland. Aber nein, es wird noch ein ganz tolles Weib als Moderatorin gesucht. Denn zwei Gesichter sind ja abwechslungsreicher als eines. In „Drei nach Neun“, einer sogenannten Talk-Show von Radio Bremen, führen gleich drei intellektuelle Vogelscheuchen das Wort: Frau Koch sowie die Herren Menge und Paczensky. Das halten unsere Programm-Macher für den Gipfel des Abwechslungsreichtums.

Doch schon kommt der neue Höhepunkt: „Musik aus Studio B“ wird künftig jedesmal von einem anderen. Moderator angesagt. Da darf sich jeder mal blamieren. Das erste Opfer, ein unbedarfter Jungmann aus der Sportredaktion namens Wolfgang Klein, erzählte unbekümmert vor seiner Sendung: „Ich habe mir von mehreren Leuten Tips geben lassen, wie man sich verhalten muß.“ Max Schauzer, der folgende Moderator von „Studio B“, will sich Tips von Peter Alexander holen, bevor er sich vor die Kamera traut. So wird man in der Bundesrepublik ein abwechslungsreicher Unterhalter.

Als Karl-Heinz Köpcke schnurrbärtig aus dem Urlaub zurückkehrte, riß es die deutsche Fernsehnation vor Empörung aus dem Sessel. Zu Recht. Ein Markenartikel – und Köpckes Gesicht ist dieses – kann nicht ohne weiteres verändert werden. Wir würden ja auch gegen grüne Coca-Cola protestieren. Dean Martin tritt entweder im Smoking oder in einem einfarbig grauen Anzug auf; Johnny Carsons Anzüge haben alle den gleichen Schnitt. Dietmar Schönherr dagegen erschien in seiner ersten Talk-Show im Maßanzug, in der nächsten mit offenem Hemd und darauf mit Vollbart, und dies alles im Bemühen, die Zuschauer durch Abwechslung zu erfreuen.

Abwechslung ist ein eigentümlicher Fetisch des deutschen Fernsehens. Die Sender versprechen sich von derartigem Widersinn die Erlösung. Sie haben inzwischen alle einleuchtenden und einfachen Ideen verpulvert und müssen nun ständig komplizierteres erfinden. Jede neue Unterhaltungssendung bedarf einer längeren einleitenden Erklärung. Sicher kommt noch der Tag, an dem Unterhaltungsserien mit einem Einführungskurs beginnen.